Letzte Aktualisierung: 02.05.2012

 

 

 

Kapitalistische Verwertungslogik und Mitleid

Verschiedenen Quellen zufolge werden in Deutschland jährlich zwischen 40-60.000.000 Hähnchenküken direkt nach dem Schlüpfen aussortiert und weggeworfen. Wegwerfen heisst: sie werden zu einem grossen Teil lebendig in einen Muser geschmissen, in dem sie durch scharfe Klingen gehächselt werden. Es ist egal, ob die genaue Zahl jetzt 40.000.000 oder wie auch immer ist. Der ganze Vorgang, die ganze Idee dahinter, das ganze Lebensverständnis, das unsere Wirtschaft hier an den Tag legt ist krank und pervers. Die Küken taugen nicht als Masttiere, dafür gibt es so genannte Fleischrassen, die in der Mast viel schneller wachsen. Sie taugen nicht als Legehennen, denn dafür haben sie das falsche Geschlecht. Sie werden produziert, weil die Natur vorsieht, dass die Hälfte der schlüpfenden Küken männlich und die andere Hälfte weiblich ist. Sie taugen für nichts in unserer kapitalistischen Verwertungslogik. Dennoch sind sie für eine kurze Zeit Lebewesen – Lebewesen, denen wir ihre Existenz rauben, sowie sie gerade beginnt. Die eiskalte Grausamkeit der kapitalistischen Verwertungslogik könnte kaum einen deutlicheren Ausdruck finden als die Abgründe, die sich hier auftun.

Küken sind der Inbegriff des Niedlichen; in Märchen, Geschichten, Zeichentrickfilmen, Bildern werden Küken als Symbol des Kindlichen, Unfertigen, Schutzbedürftigen dargestellt. Wenn man die kleinen Flauschebälle so sieht, kann man eigentlich gar nicht anders als ein warmes Herz bekommen. Man möchte die Tierchen beschützen, behüten, streicheln. Küken werden mit dem Frühling, mit der Rückkehr des Lebens, mit dem Beginn des Lebens überhaupt in Verbindung gebracht.

Für die industrielle Produktion von Tierprodukten sind sie wertlos. Im Gegenteil, sie sind sogar ein Ärgernis, denn die Bebrütung der Eier ist eine Investition, die sich nicht lohnt, weil Unverwertbares dabei produziert wird. Also wird sich der Tiere entledigt. So knallhart und radikal, wie es der kapitalistischen Verwertungslogik folgend nun einmal sein muss. Hier gibt es keinen Raum für unsinnige Gefühlsduselei – ab in den Schredder mit dem unwerten Zeug.

Alleine bei der Vorstellung, ein lebendes Tier in einen Muser zu werfen, rollen sich mir die Fussnägel hoch und sträuben sich mir die Körperhaare. Von der blossen Vorstellung bekomme ich Albträume. Es ist mir unfasslich, wie jemand diese Rohheit überhaupt fertig bringen kann. Ein piepsendes Küken - klein, flauschig, hilflos, schutzlos: „Zack, weg mit Dir! Du taugst nichts, Du bist nichts wert! Du wirst getötet und entsorgt!“

Wie haben wir uns jemals so weit vom Mitleid entfernen können? Wie können wir solche Praktiken zulassen, ohne dass die innere Stimme unseres Mitleids, unserer Fähigkeit zur Empathie, uns vorschreibt einzuschreiten? Wie kann eine Gesellschaft einen irrwitzigen Eierkonsum aufrecht erhalten, der nur mit solchen Methoden zu realisieren ist? Wie kann ein solcher Umgang mit Lebewesen geduldet werden in einem Land, in dem Tierschutz angeblich Staatsziel ist? In dem ein Tierschutzgesetz verbietet, Wirbeltiere 'ohne vernünftigen Grund' zu töten?

Ist solch ein krankhafter Wahnsinn - Ausgeburt der kapitalistischen Verwertungslogik, die Tiere nur als Ware sehen kann – ist solch eine Perversion ein 'vernünftiger Grund'? Dann gnade Euch allen, dass Ihr es nicht zu hart mit der Vernunft dieses Systems zu tun bekommt!

Man mag sich darüber streiten, ob nicht sogar die Hähnchenküken noch Glück hatten, verglichen mit dem, was den Legehennen droht. Ob Bodenhaltung, Käfighaltung, sogenannte Kleingruppenhaltung.... die Tiere werden zu einem Leben gezwungen, das kein wirkliches Leben mehr ist. Zusammengezwängt, der natürlichen Bewegung und der natürlichen Umwelt beraubt sind sie ein kurzes Leben lang auf das einzige reduziert, was uns an ihnen interessiert: Die Eierproduktion. Während die Hähnchenküken im Schredder landen, wird oft den Hühnchenküken ohne Betäubung der Schnabel verbrannt, damit sich die Tiere später, wenn sie in qualvoller Enge zusammengezwängt werden, nicht gegenseitig so sehr verletzten können, dass die Warenproduktion in Gefahr kommt. Wenn der Umfang der Eier-Produktion, die den Körper ausgelaugt hat, nicht mehr stimmt, dann werden auch die Hennen entsorgt. Ihre Leichen werden als minderwertige sogenannte Suppenhühner verscherbelt.

Mögen Euch die Eier im Halse stecken bleiben. An jedem Ei, das konsumiert wird, klebt das Blut der Opfer: der entsorgten Hähnchenküken, der misshandelten Legehennen, der gequälten Kreaturen, die gezwungen werden, solche Eier zu produzieren. Opfer der zum Himmel schreienden Verhältnisse, die wir alle solange mitverantworten, solange wir sie nicht beenden.