Letzte Aktualisierung: 08.04.2014

 

 

 

 

 

 

In vielen philosophischen und tierrechtlichen Betrachtungen der Tierethik spielt die Frage nach dem Bewusstsein oder der Selbsterkenntnis eine entscheidende Rolle - ein sehr lesenswerter Überblick über die moralische Rechtfertigbarkeit des Tötens von Tieren findet sich in der Dissertation von Jörg Luy: Die Tötungsfrage in der Tierethik .

Bei vielen Tierrechtstheoretikern (Singer, Nelson, Hare) stellt das Bewusstsein/Interesse am Leben die Grundlage dar, dass nichtmenschliche Tiere überhaupt als Gegenstand der Moral oder als 'Personen' (Nelson) zu betrachten sind - wohlgemerkt geht es aus gutem Grund in der ethischen Erörterung um das ich-bewusste Sein - das Bewusstsein - und nicht um die Seele (Wikipedia zum Begriff "Seele"): bereits der Begriff "Bewusstsein" ist in den verschiedenen Interpretationskontexten sehr unterschiedlich definiert. "Seele" wird aber in den verschiedenen philosophischen, religiösen oder kulturellen Kontexten so völlig verschieden definiert und verwendet, dass der Begriff für eine ethische Diskussion ungeeignet ist. So lehnen die christlichen Regionen die Existenz einer der menschlichen vergleichbaren Seele bei nichtmenschlichen Tieren ab, während bspw. im Hinduismus oder Buddhismus nichtmenschliche Tiere und Menschen in gleicher Weise beseelt sind.

 

Unter Bewusstsein oder Selbsterkenntnis eines Lebewesens wird hier verstanden, dass eine bewusste "Ich"-Wahrnehmung existiert bzw. dass ein "Ich"-bewusstes Interesse am Leben vorliegt. Die "Ich"-bewusste Wahrnehmung ist die Vorraussetzung für die Existenz eines Willens (wobei in einigen jüngeren Veröffentlichungen die Existenz eines "freien Willens" auch beim Menschen in Frage gestellt wird).

Diese Betrachtungsweise kommt für mein Verständnis in der folgenden Aussage sehr deutlich zum Ausdruck:

"Tiere sind vollwertige Objekte der Moral, wenn sie bewußte Wertungen durchführen bzw. Interessen (Wünsche, Präferenzen) haben, die via Perspektivenwechsel vorstellbar sind. Da alle vernünftigen Wesen durch den Gleichheitsgrundsatz dazu verpflichtet seien, die tatsächlich existierenden Interessen anderer gleichberechtigt gegen die eigenen abzuwägen, sei die Tötung eines Tieres immer dann moralisch falsch,
wenn das Interesse an seiner Tötung weniger moralisches Gewicht habe als dessen tatsächlich existierendes ‘Interesse am Leben’. "(Aus der Zusammenfassung der Ansichten Birnbachers in "Die Tötungsfrage in der Tierethik" von J.Luy)

Die Idee des Perspektivenwechsels geht dabei auf die Goldene Regel der praktischen Ethik zurück. Ausprägungen dieser Regel sind bspw. der kategorischer Imperativ von Kant:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

In der Fassung von Leonard Nelson: „Handle nie so, daß du nicht auch in deine Handlungsweise einwilligen könntest, wenn die Interessen der von ihr Betroffenen auch deine eigenen wären.“

 

Wikipedia zu Bewusstsein - In diesem Zusammenhang ist das wohl wichtigste Zitat des Wikipedia-Artikels: "Lange Zeit wurde vermutet, dass Ich-Bewusstsein allein bei Menschen vorkomme. Inzwischen ist jedoch erwiesen, dass sich auch andere Tiere, wie etwa Schimpansen, Orang-Utans, Rhesusaffen, Schweine, Elefanten, Delfine und auch diverse Rabenvögel im Spiegel erkennen können, was einer weit verbreiteten Auffassung zufolge ein mögliches Indiz für reflektierendes Bewusstsein sein könnte."

Spiegeltest ist hier erläutert: Wikipedia zu Spiegeltest.

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass wir mitnichten wissen, wo eigentlich im menschlichen Gehirn menschliches Bewusstsein angesiedelt ist : bild der wissenschaft: Bin ich das? Oder bin ich das nicht?, SPON: Neuronales Netzwerk schafft das 'Ich', telepolis: Ist das Selbstbewusstsein im Gehirn lokalisierbar?

 

 

Ich möchte hier also ein paar Links und Verweise bzgl. Bewusstsein, Intelligenz und Sprache bei Tieren sammeln.

Schweine verstehen das Prinzip des Spiegels

Selbsterkenntnis bei Elefanten

Makaken erkennen sich im Spiegel. Dieser Artikel gibt aber auch einen Hinweis darauf, dass der Spiegeltest-Versuchsaufbau evtl. so anthropozentrisch konzipiert sein könnte, dass er tatsächlich keinen exakten Schluss zulassen könnte, sprich: es ist durchaus möglich, dass nichtmenschliche Tiere ein Bewusstsein ihrer selbst haben, aber an dem vorgehaltenen Spiegel nicht die Bohne Interesse, da ihre Wahrnehmung und/oder ihr Bewusstsein ganz anders funktioniert.

So beschreibt denn auch der SPON Artikel "Schweine erkennen ihr Spiegelbild", dass Schweine zwar ihr Spiegelbild durchaus erkennen, sich aber einen Dreck um einen auf die Stirn geklebten Punkt scheren. Auch in diesem Fall ist eine Fehlinterpretation des Ergebnisses durchaus möglich.

Auch hier findet sich noch eine kritische Äusserung zum Spiegeltest.

Anders herum kann man natürlich auch Roboter bauen, die sich im Spiegel erkennen, ohne dass das jetzt automatisch Rückschlüsse auf ein Bewusstsein erlauben würde... Noch wieder andererseits erkennen sich Kinder auch normalerweise erst im 2ten Lebensjahr im Spiegel selbst (etwas ausführlicher hier behandelt).

Rhesusaffen erkennen sich selbst

Interessant ist, wie "Tauben merken sich Gesichter" hier in das Thema passt. Auch wenn diese doch erstaunliche Leistung nicht so recht auf ein Bewusstsein schliessen lässt, so stellt sich indirekt die Frage, wie eine derartige Assoziationsleistung ohne Auswirkung auf ein (nicht?) zu unterstellendes Bewusstsein möglich ist.

Ebenfalls interessant: Paviane lernen ein bisschen lesen (SPON). Das haben viele Pavianen mal wieder nicht zugetraut. Klarer Fall von völliger Überbewertung menschlicher Errungenschaften gegenüber dem "dummen Tier". Genaugenommen finde ich das gar nicht so erstaunlich, wenn ein lernfähiges Tier seine Lernfähigkeit auch bei Abstraktem anwenden kann.... Hier gibt es den Selbsttest.

Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas verfügen über eine Gesten-Sprache mit mehr als 60 Gesten. Interessanterweise ist ein Grundstock von Gesten bei allen 3 Affenarten sehr ähnlich.

Die Gesten von Schimpansen geben Aufschluss über die Evolution von Sprache.

 

Wie Elefanten ihre 'Geheimsprache' erzeugen. Elefanten können neben dem bekannten Tröten auch im Ultraschallbereich kommunizieren. Die Lautentstehung ist der menschlichen Lauterzeugung sehr ähnlich.

Gibbons: Die Sopranisten unter den Primaten

 

Graupapageien sind in der Lage, Ursache und Wirkung eines logischen Zusammenhangs richtig einzuschätzen

 

SZ: Neurologische Forschung: Des Hundes Hirn

taz: Hirn von Hund und Mensch: Wie der Herr, so 's Gscherr

bild der wissenschaft: Spannende Ähnlichkeiten: Menschen- versus Hundehirn

 

 

"Es gibt für ein Tier eine Art und Weise, wie Dinge aussehen, schmecken, riechen, sich anfühlen bzw. klingen, von der wir so lange keine Vorstellung haben werden, solange wir darauf beharren, dass die einzig wissenswerten Dinge unsere eigenen sozialen Konstruktionen der Welt sind."(Noske)

 

Überraschendes aus der unendlichen Welt der Tierwahrnehmung: Krabben erkennen die Geräusche der Heimat. Das ist für uns überraschend, weil - sein wir ehrlich - wir das nicht ausgerechnet von Krabben erwartet hätten.

 

“Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen” (Wittgenstein).

“Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.” (Wittgenstein).

"Aus dem Verhältnis von Sprachverstehen und Handlungsverstehen ergeben sich vier mögliche Fälle
des Verstehens anderer, die es in einem nächsten Schritt genauer zu betrachten gilt:
(1) Man beherrscht die Sprache der anderen und versteht die Handlungen der anderen auch.
(2) Man beherrscht die Sprache der anderen nicht, versteht die Handlungen der anderen aber
trotzdem

(3) Man beherrscht die Sprache der anderen nicht und versteht die Handlungen der anderen auch
nicht.
(4) Man beherrscht die Sprache der anderen und versteht die Handlungen der anderen nicht."

aus Wittgenstein-Symposium 2006 Thomas Wachtendorf. Akademie für angewandte Philosophie.

In Bezug auf nichtmenschliche Tiere sind wir vielfach noch nicht einmal bereit, ihnen überhaupt so etwas wie Sprache zuzugestehen, einfach weil wir gar nicht willens sind, dass es Sprache geben könnte, die sich so sehr von der menschlichen Sprache unterscheidet, dass unsere Begrifflichkeiten zur Analyse von Sprache hier gar nicht greifen. In der Philosophie wird vielfach die Trennlinie zwischen Menschen nd nichtmenschlichen Tieren gezogen, weil die einen eine Sprache besässen, die anderen nicht. Aber der Besitz von Sprache wird mit Methoden unserer Sprache definiert. Die Kriterien sind nicht objektiv, sondern sind vollständig antropozentrisch. Daher verstehen wir nicht, was wir nicht verstehen wollen....

 

Vielleicht verstehen wir die Intelligenz anderer Tiere auch deswegen nicht richtig, weil wir ganz verschiedene Begriffsbildungen haben?
bild der wissenschaft: Wie ein Hund einen Ball definiert. Die Tiere verbinden Wörter anders mit Kategorien als der Mensch

 

Interessanter Artikel über Primaten-Lautäusserungen/Sprache im Spiegel Online.

 

Ein Mann spricht in der Zoohandlung einen Papagei an: „Kannst du sprechen?“
Der Papagei erwidert: „Ja, und kannst du fliegen?" (Quelle: hier)

 

Ausserdem möchte ich dem Besucher dieser Seite nahe legen, mal über den Begriff "Instinkt" näher nachzudenken: Wikipedia zu "Instinkt". Etwas als Instinkt eines Tieres 'abzutun', heisst m.E. ein Wunder mit einem anderen erklären. Wie kann es sein, dass komplexe Verhaltensmuster quasi vererbt werden? Was ist es, dass ein Tier 'wissen' lässt, wie es sich in bestimmten Situationen verhalten soll. Was genau ist eigentlich die Manifestation von Instinkt? Ist Instinkt im Gehirn 'fest verdrahtet'? Welches aktive Empfinden mag ein Tier wohl bei einer 'instinktiven Handlung' verspüren?

 

Auf Telepolis schreibt Jörg Wittkewitz: "Gebrauchtes Ich, günstig abzugeben"

"Bei der Erforschung des Bewusstseins ziehen Philosophen und Neurowissenschaftler erstmals an einem Strang. Neuerdings schaffen sie dabei gemeinsam eine alte Gewohnheit namens Ich ab".

Über die Frage, wie überhaupt ein Ich im Kopf entsteht und wie dieses "Ich" mit der Umwelt kommuniziert.

 

 

Spiegel Online berichtet über die Verwendung verschiedener Nussknacker-Werkzeuge bei Affen als Kultur-Leistung. Am Ende des Artikels sind noch ein paar Links auf weitere Kulturleistungen bei Tieren.

Dabei sind Affen sehr wohl in der Lage, die Eigenschaften des optimalen Werkzeugs zu erfassen.

 

bild der wissenschaft: Handwerker im Federkleid. Faszinierende Vogel-Intelligenz: Kakadu gebraucht selbstgemachte Werkzeuge



 

Ebenfalls bei Spiegel Online findet sich ein ziemlich interessanter Artikel über die Intelligenz und Fähigkeiten von Tintenfischen.

 

Gary L. Francione fordert: Auch Tiere, die uns kaum ähneln, haben höchsten Respekt verdient.

 

Peter Singer und die Tierrschutzposition zum geringeren Wert nichtmenschlichen Lebens  von Gary L. Francione Blog

 

Woher kommt eigentlich 'unsere Intelligenz': (bild der wissenschaft): Urknall der Intelligenz. Vor 550 Millionen Jahren ebnete ein genetischer Unfall den Weg zur Entwicklung komplexer Gehirne. Es geht um einen Unfall in der gemeinsamen Geschichte ALLER WIRBELTIERE.



 

ADAPTT zum Thema Animal Intelligence: hier und dann "Animal Intelligence" wählen.

 

Eine besuchenswerte Seite, die sich ganz dem Gehirn, der Wahrnehmung und dem Bewusstsein verschrieben hat: dasgehirn.info

 

 

 

Empfehlenswerte Filme und Vorträge rund ums Thema Gehirn und Bewusstsein