Letzte Aktualisierung: 13.07.2012

 

 

Aufgeschreckt worden und ins Grübeln gekommen bin ich durch den Spiegel Online Artikel: Neuro-Forschung: Angst vor der allmächtigen Gehirn-Kopie

BTW: recht unterhaltsam aber auch lehrreich (da da wirklich ganz verschiedenste Ansichten geäussert werden) ist die Lektüre der Forumsdiskussion im Anschluss an den Artikel.

 

Das "Human Brain Project(SPON)", Homepage des Human Brain Projects

 

 

Sehr interessanter Talk von Henry Markram bei TED

 

 

Gedanken zum Hirnmodell-Experiment

Da wollen also irgendwelche Technokraten ein funktionsfähiges Gehirn künstlich bauen. Um die ethischen Konsequenzen machen sie sich keine Sorgen.

Mal angenommen, es gelänge, wie sollte man dann mit dem Erzeugnis umgehen? Ist eine Simulation oder ein Modell des menschlichen Hirns ohne dessen herausragendste Eigenschaft - ein Bewusstsein - denkbar? Wenn sich aus der Summe der Erkenntnisse und dem Komplex aus Neuronen etwas Bewusstes erzeugen liesse? Etwas empfindsames, dass eine Ich-Identität, Emotion, Schmerz kennt? Damit bspw. Alzheimer Versuche durchzuführen dürfte sich moralisch kaum rechtfertigen lassen. Es liegt eine enorme Verantwortung in dem Plan, ein künstliches, bewusstes Wesen erschaffen zu wollen. Wenn sich der Plan tatsächlich realisieren lassen sollte, dann würden sich sehr weitreichende Fragen stellen. Ist es zulässig, bspw. ein manisch-depressives Wesen wie Marvin zu erschaffen, dessen gesamtes Dasein nichts anderes ist als Schmerz? Wenn sich herausstellte, dass Bewusstsein die logische Konsequenz aus einer gewissen Komplexität einer gewissen Anordnung von Neuronen ist, was sagt das dann über die menschliche 'Seele' aus? Ist die Seele auch nur ein Produkt der Selbstimagination eines hinreichend komplexen Neuronenapparats? Nix mehr? Wenn wir tatsächlich so einfach ein konversationsfähiges, bewusstes Wesen schaffen könnten, liegt dann nicht die Vermutung nah, dass auch Tiere, deren Hirn einigermassen komplex ist, ein Bewusstsein haben, dass wir nur einfach nicht verstehen, weil es einfach nur anders funktioniert als das unsere?

Eine weitgehend akzeptierte Basis unserer Moralvorstellungen ist, dass wir anderen Lebewesen umso weniger Leid zufügen dürfen, je mehr die Lebewesen in der Lage sind, ihre eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu reflektieren. Die Abgrenzung zu nichtmenschlichen Tieren wird in aller Regel an der virtuellen Grenzlinie der 'Vernunft' vorgenommen. Hier der 'vernünftige' Mensch, für den bereits eine Einschränkung seiner 'freien' Entwicklungsmöglichkeiten bereits die Zufügung von Leid darstellt, weil der vernünftige Mensch eben selber eine vernünftige Strategie für seine Zukunft hat und jede Einschränkung seiner Entwicklungsmöglichkeit reflektierend bewerten kann. Auf der anderen Seite das 'unvernünftige' Tier, dessen Freiheiten wir beschränken dürfen, weil das Tier vermeintlich nicht in der Lage ist, diese Einschränkung kritisch zu reflektieren. Entscheidend in der moralischen Beurteilung von Gewalt gegen andere Lebewesen ist nach allgemeiner Übereinkunft der Grad in dem dem Tier Selbsterkenntnis zugetraut wird. Ein Tier, dass in vollem Umfang sich seiner selbst bewusst ist und in der Lage ist, sich in seiner Lage und in seiner Umwelt zu reflektieren, wird nach allgemeiner Übereinkunft mehr Schutz zugesprochen als einem Tier, das sich seines Selbsts nich bewusst ist und das nicht in der Lage scheint, die eigene Situation mit Vergangenheitsbegriff und Zukunftsaussicht zu reflektieren.

Wie aber verhält es sich dann mit einem „Nichtlebewesen“, dass aber aufgrund seiner Konstruktion genau gerade über Bewusstsein, Selbstreflexion und 'Vernunft' verfügt, eben gerade, weil dieses „Nichtlebewesen“ als Modell unseres eigenen Gehirns von uns geschaffen wurde.

 

Spinnen wir den Gedanken doch mal weiter. Nehmen wir an, durch das Ansammeln und Verschalten unzählig vieler einzelner künstlicher Neuronen entstünde mehr als die Summe der Teile. Eine Erkenntnisform, die sich aus dem speist was durch das Speichern und Vernetzen und Verarbeiten der Einzelinformationen in den einzelnen neuronalen Zellen geformt hat. Eine steuernde Entität, die die Informationsverarbeitung, -vernetzung und -verknüpfung unter Aspekten steuert, die den Interessen eines nue entstandenen „Ichs“ folgen. Dieses „Ich“ könnte sich lernfähig und willig zeigen, würde sich Fragen nach den Gründen und Quellen seiner Existenz stellen. Dieses „Ich“ würde ein Interesse an seinem Weiterbestehen entwickeln und könnte in der Lage, Freude und Leid zu empfinden. Auf der einen Seite wäre damit das Ziel erreicht, das menschliche Gehirn im 'vollen' Umfang seiner Funktionalität nachzubilden. Auf der anderen Seite wirft genau gerade dieser 'volle' Umfang ein moralisches Problem auf. Es wäre eine Wesenheit geschaffen worden, die im 'vollen' Umfang Empfindungen und Einstellungen zu 'sich' entwickelt hätte. Zudem wäre diese Wesenheit in einem Umfang zur Formulierung eigener Interessen in der Lage, dass es moralisch nicht vertretbar wäre, diese Wesenheit fremd zu bestimmen. Es wäre im Erfolgsfall des Versuchs weder moralisch vertretbar, den Rechner auszuschalten und damit die Wesenheit ihrer Existenz zu berauben, noch wäre es moralisch vertretbar, dieser Wesenheit in irgend einer erdenklichen Form Leid zuzufügen. Insbesondere müssten sich die Erschaffer dieser Wesenheit für konstruktive Mängel verantworten. Wäre die Wesenheit, die durch dieses Experiment geschaffen würde bspw. depressiv, so müssten sich die Erschaffer der Wesenheit für das zugefügte Leid verantworten. Auch eine Alzheimer-Simulation wäre ein konstruktiver Mangel, der dieser geschaffenen Wesenheit in einem moralisch unerträglichen Mass Leid zufügt. Das Beenden des Experiments würde zwangsläufig das Ende der geschaffenen Wesenheit bedeuten und wäre wegen des damit verbundenen vermeidbaren Leids moralisch nicht vertretbar.

All diese Fragen mögen ja erst in ferner Zukunft – falls ein solches Experiment denn überhaupt je mit dem „gewünschten Erfolg“ gekrönt wäre überhaupt akut werden. Fragen muss man sie sich allerdings m.E. bereits bevor man überhaupt erste Anstrengungen zu diesem Experiment macht.

 

Ein ganz anderer Fragenkomplex in diesem Zusammenhang betrifft uns in unserer Selbstwahrnehmung. Würde ein modellhaftes Abbild unseres Hirns, wie abstrakt das Abbild auch immer wäre, tatsächlich ein Verhalten entwickeln, d.h. eine Form von Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung, die mehr ist als die blosse Summe der Teile, also eine steuernde Entität, eine Wesenheit oder was auch immer entwickeln, die sich nicht direkt aus den einzelnen Neuronen ablesen lässt, dann müssten wir zugeben, dass nicht jeder Effekt sich direkt oder indirekt aus den Grundbausteinen seiner Basis ermessen lässt. Dass Geist, Wesen, Seele oder wie immer man es nennen möchte sich bildet aus zugrundeliegenden Prozessen, die wir zwar im Detail messen und beobachten können, deren ganzheitliche Auswirkung wir aber nur unzureichend erklären können. Bisher ist eine zufriedenstellende Erklärung eines Phänomens wie Bewusstsein, Selbstreflexion nur auf der Basis neuronaler Prozesse nicht befriedigend möglich. Sollte sich also eine Wesenheit mit auch nur rudimentärem Selbstbewusstsein über dem Modell eines Gehirns erheben, dann wäre es ja durchaus eine akzeptable Interpretation des Versuchsergebnisses, dass auch andere Lebewesen Bewusstseinsmanifestationen haben können, die wir Menschen nur aufgrund fehlenden Verständnisses oder aufgrund fehlender Beobachtungsgenauigkeit und fehlenden Beobachtungswillens bisher einfach vernachlässigen.

 

Ich bezweifle ehrlich gesagt nicht, dass es eines Tages möglich sein wird, ein Modell des menschlichen Gehirns zu bauen, welches auch funktionieren wird. Das Problem ist, dass wir derzeit einfach noch gar nicht verstehen, wie das menschliche Gehirn im Detail eigentlich wirklich funktioniert. Die zentrale Frage ist, ob das Gehirn unser Bewusstsein bestimmt oder ausmacht, oder ob tatsächlich die treibende Kraft des Gehirns unser Bewusstsein ist. Sollte - wie auch immer - unser Bewusstsein, unsere Wesenheit die Funktionsweise des Gehirns bestimmen, dann wird die Schaffung eines Hirnmodells allerdings erheblich schwieriger und mehr einer Simulation gleichen als im umgekehrten Fall.

 

Siehe auch: Es gibt auch noch eine hier überhaupt nicht betrachtete Herangehensweise an das Thema. Die Theorie der Technologischen Singularität stellt sich den Durchbruch der technologischen Entwicklung wie einen Urknall, einen Moment vor, in dem der Mensch eine Hyperintelligenz geschaffen haben wird, die die menschliche Intelligenz übersteigt. Diese Technologische Singualrität ist der Moment, ab dem die Herrschaft des Menschen auf der Erde "überwunden" ist - es bleibt zunächst dahingestellt, ob im Guten oder Schlechten. Vernor Vinge stellt beispielsweise die Frage nach einer Ethik, die nach der Technologischen Singularität gelten könnte.

 

Technologische Singularität bei Wikipedia

 

Talk auf TED.com: Ray Kurzweil on how technology will transform us

 

Vernor Vinge:Technological Singularity

 

Markus Diesmann über die Simulation des Gehirns, das Human Brain Project, die Zukunft der Supercomputer und Missverständnisse zwischen Journalisten und Wissenschaftlern (telepolis)

 

Christoph Adami: Finding life we can't imagine | Video on TED.com 

Daniel Wolpert: The real reason for brains | Video on TED.com 

Allan Jones: A map of the brain | Video on TED.com 

Heribert Watzke: The brain in your gut | Video on TED.com