Letzte Aktualisierung: 06.05.2012

 

 

 

 

 

 

 

Brauchen Tiere Schutz oder haben Tiere Rechte?

Die zentrale Frage in der Auseinandersetzung "Tierschutz vs. Tierrechte" ist, ob Tiere Rechtsobjekte oder Rechtssubjekte sind. Haben Tiere Rechte? Ist 'der Mensch' den nichtmenschlichen Tieren gegenüber verpflichtet, deren Rechte zu achten oder sind Tiere eher wie 'Sachen' zu behandeln, d.h. möglicherweise schonend, pfleglich aber letztlich dem Gutdünken 'des Menschen' unterworfen? Oder sind Tiere doch mehr so etwas wie rechtliche Personen, deren eingeräumte Rechte - wie klein auch immer die seien - durch 'den Mensch' zu gewähren sind?

In Deutschland sind Tiere rechtlich von 'Sachen' unterschieden, sie sind aber auch keine Rechtssubjekte. Kurzerhand wurde hier der Begriff "Mitgeschöpfe" verwendet. Zwar werden sie ausgebeutet, gequält, getötet und gegessen, aber obwohl all dieses mit dem Tierschutzgesetz scheinbar ohne weiteres zu vereinbaren ist, sind sie dennoch von blossen 'Sachen' zu unterscheiden, nämlich 'leidensfähige Mitgeschöpfe' deren Wohl uns am Herzen zu liegen habe, deren 'Wohl' aber wohlgemerkt nicht deren 'Recht' ist - denn wenn Tieren explizit 'Rechte' zugesprochen würden, wären Tiere Rechtssubjekte..... Tricky!

Auch dieser 'Eiertanz' ist letztlich nur wieder möglich, weil Tiere als etwas ganz anderes als Personen gesehen werden (vgl. "Die soziale Konstruktion des Anderen – zur soziologischen Frage nach dem Tier"),

weil die herrschenden Systeme die Verwertung der Tiere nicht in Frage stellen können und wollen und weil das Tierschutzgesetz 'Ethik zum Nulltarif' gewährleisten soll.

 

In Deutschland hat Tierschutz neuerdings - seit 2002 - Verfassungsrang.

 

Das Diskussionspapier "Die Stellung des Tieres in der Entwicklung der Tierschutzgesetzgebung in Deutschland, Japan und den USA" von Gesa Lindemann, Nico Lüdtke & Hironori Matsuzaki (CvO. Uni-Oldenburg) beleuchtet die Tierschutzgesetzgebung vergleichend. Auch hier wird die Frage Rechtssubjekt/Rechtsobjekt beleuchtet.

 

 

Die Stellung des Tierschutzes im GrundGesetz aus Sicht des BMELV:

Stellung des Tierschutzes im GG

"Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Damit wurde eine lange Diskussion über den Rang des Tierschutzes im Verfassungsgefüge abgeschlossen."

Äääähm, na ja...........

 

Dem 'Tierschutz' wird zurecht vorgeworfen, die bestehenden Mensch-Tier-Verhältnisse nicht in Frage zu stellen. Indem der Tierschutz bspw. für bessere Haltungsbedingungen, 'humanere' Schlachtungsmethoden u.dergl. eintritt, stellt er die grundsätzliche Verdinglichung, Objektisierung nichtmenschlicher Tiere nicht in Frage. Tierschutz mag noch so hehre Ziele haben. Tierschutz schreibt die bestehenden Mensch-Tier-Verhältnisse fest - erst die Forderung nach Tierrechten sieht 'das Tier' - nichtmenschliche Tiere nicht mehr als Objekte sondern als Subjekte, die ein eigenes Recht haben, welches 'der Mensch' berücksichtigen muss. Natürlich sind die Übergänge fliessend wenn Tierschützer in Frage stellen, ob wir überhaupt Tiere essen dürfen oder wenn die Forderungen nach Tierrechten anders herum zu zaghaft ausfallen und nicht die bestehenden Verhältnisse wirklich radikal in Frage stellen.

 

Auf der Seite der 'veganen Gesellschaft Österreich' findet sich eine gute, kompakte Zusammenfassung der 'Philosophie der Tierrechte'.



 

Ein grosses Problem bei der Forderung nach Tierrechten ist, dass Tiere weder den Kampf für ihre Rechte selber führen können, noch dass sie einen Begriff von menschlicher Solidarität haben. Tiere spüren und wissen noch nicht einmal, dass es Menschen gibt, die den Kampf für die Rechte tierlicher Individuen führen.

"Das Paradoxe an dem Akt, jemandem anderen zur Freiheit zu verhelfen, ist, dass er selbst ein Akt der Herrschaft ist.

(Esther Leslie & Ben Watson, „Tiere, Geschichte und Kunsttriebe“ in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, S.208)



 

"Zuvor wurde analysiert, dass Tiere – bzw. die sie vertretenden Menschen – in den Gesellschaften der Gegenwart ein Recht auf Widerstand gegen ihre Unterdrückung haben, also im Angesicht der bestehenden Systeme ein Recht auf den Einsatz illegaler Mittel, die als ultima ratio auch Gewalt mit einschliessen können. Die (falsche) „Friedenspflicht“, die die politischen Systeme ihren Bürgern auferlegen, um das Unrecht zu konservieren, gilt für Tiere noch viel weniger als für die unterdrückten menschlichen Individuen innerhalb der Systeme. Der Friede als „Stand eines Unterschiedenen ohne Herrschaft, in dem das Unterschiedene teilhat aneinander“, wie Adorno den Begriff des Friedens darlegte, somit ein Zustand, der Gewaltstrukturen aufgebrochen hat, muss für tierliche wie menschliche Individuen erst durch widerständiges Denken und Handeln erreicht werden. Tiere leben hierbei nicht (nicht einmal) in einer sie repräsentierenden Demokratie; für Tiere sind die bestehenden Demokratien eine Tyrannis. Demokratietheorien, die ein Widerstandsrecht heute als suspendiert sehen wollen, haben in Bezug auf die Situation der vergesellschafteten Tiere keine Gültigkeit. Tiere sind die Mehrheit, die keine einzige eigene bzw. repräsentative Stimme hat, deren Wollen unberücksichtigt bleibt, und die nicht einmal in ihrem Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit vor den Interessen der speziesistischen Gesellschaft geschützt ist."

(Melanie Bujok, „Zur Verteidigung des tierlichen und menschlichen Individuums, in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, S.332)



 

Unsere Mitbürger - Tiere haben dasselbe Recht auf Leben und Freiheit wie wir Menschen auch: Ein Gespräch mit dem kanadischen Philosophen Will Kymlicka über seine Forderung, Tieren Bürgerrechte zu verleihen. (Zeit Online, 5.7.2012)