Letzte Aktualisierung: 11.02.2013

 

 

 

Keine Tierversuche für Kosmetik mehr

 

Am 11.3. diesen Jahres ist es endlich, endlich, endlich wirklich soweit: In Europa dürfen keine Kosmetika mehr verkauft werden, für die Tierversuche durchgeführt werden. Bereits seit dem 11.03.2009 dürfen in der EU keine neuen Kosmetik-Inhaltsstoffe mit Tierversuchen getestet werden. Ab dem 11.03.2013 gilt das Verbot auch für Kosmetik Inhaltsstoffe, die ausserhalb der EU durch Tierversuche getestet werden [3].

Dieser Erfolg stand eine zeitlang noch auf der Kippe. “Als der Zeitpunkt näher rückte, wollte die EU-Kommission ihn um zehn Jahre verschieben oder mit Ausnahmen durchlöchern, was Zigtausenden Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Mäusen weltweit das Leben gekostet hätte.”[1] Eine breit angelegte Unterschriftenaktion, in der in kurzer Zeit eine halbe Million Unterschriften gesammelt wurde, wurde ins Leben gerufen und die Unterschriften wurden dem Petitionsausschuss des EU Parlaments übergeben [8]. Ende Januar bestätigte dann der zuständige EU Kommissar Tonio Borg das Festhalten an der ursprünglichen Terminsetzung.

Was bedeutet dieses Verbot nun eigentlich konkret?

Kosmetik-Tierversuche machen gegenüber der Anzahl der Tiere, die im Bereich der Grundlagenforschung, medizinische Forschung, Pharma- und Chemieindustrie leiden und sterben, nur einen sehr kleinen Teil aus. Den offiziellen Statistiken der EU zufolge wurden im Kosmetikbereich 0,05% aller Tierversuche durchgeführt (1999: 4.823 Tiere von ges. 9,8 Mio. und 2005: 5.571 Tiere von ges. über 12 Mio.). Da die Industrie ihre Tierversuche frühzeitig in Länder außerhalb der EU verlagert hat, kann über die tatsächliche Anzahl allerdings nur spekuliert werden.”[2]

Trotzdem ist die EG Richtlinie wegweisend, weil hier eine ganze Industrie rechtlich gezwungen wird, auf Tierversuche zu verzichten. Insbesondere die toxikologischen Tests, die Haut- und Augen-Reizungstests sind sehr grausam und fügen den betroffenen Tieren schweres Leid zu. Hier wurde nun endlich eine Abwägung getroffen, die das vermeintlich menschliche Bedürfnis nach immer neuen Kosmetika nicht mehr höher berwertet als das Leid und den qualvollen Tod von Tieren im Tierversuch.

Weiterhin übt das Verbot in der EU Druck auf Länder wie China aus, wo Tierversuche für Kosmetika vorgeschrieben sind. China hat ein Interesse daran, dass globale Kosmetikkonzerne auf seinen Markt streben, macht es diesen aber mit seiner Tierversuchspolitik schwer. Erste Anzeichen, dass sich das Land der Mitte für tierversuchsfreie Testmethoden öffnet, gibt es bereits.”[2]

 

Ein wesentliches Problem in der Praxis wird es allerdings sein, die Trennlinie zwischen 'kosmetischen Inhaltsstoffen' und 'Chemikalien' zu bewerten und einzuhalten. Im internationalen Recht sind in vielen Ländern der Erde auch für Kosmetika Tierversuche vorgeschrieben und Konzerne, die auf einem globalisierten Markt ihre Produkte vertreiben wollen, werden ihre Tierversuche natürlich nicht in der EU druchführen, sondern in eben den Ländern, die nach wie vor Tierversuche einfordern. Die Inhaltsstoffe, die in Kosmetika zum Einsatz kommen, werden dann eben nicht als kosmetische Inhaltsstoffe sonden als Chemikalien bezeichnet werden, für die auch in der EU nach wie vor Tierversuche zulässig sind. Wenn man Tierversuche ablehnt, sollte man also auch in Zukunft vor der Anschaffung von Kosmetika einen Blick in die Positivliste[4] werfen, oder nur Produkte von Herstellern kaufen, die erklärtermassen auf Tierversuche gänzlich verzichten und/oder die ihre Produkte mit einem entsprechenden Label[5] versehen.

Die Ärzte gegen Tierversuche empfehlen sich auch weiterhin an der Positivliste und an den Labels zu orientieren, obwohl nun Tierversuche für Kosmetika und Kosmetik-Inhaltsstoffe in der EU verboten sind, weil:

  • Die Kosmetikkonzerne können nach wie vor Tierversuche durchführen für Inhaltsstoffe und Produkte, die sie nicht in die EU einführen. In manchen Ländern wie China sind Tierversuche sogar verpflichtend vorgeschrieben. Solange es kein weltweites Verbot von Kosmetik-Tierversuchen gibt, werden weiterhin Tierversuche durchgeführt.

  • Es gibt innerhalb der EU Unstimmigkeiten, was unter »Kosmetikinhaltsstoffen« zu verstehen ist. So fallen Rohstoffe, die auch anderweitig als im Kosmetikbereich eingesetzt werden unter »Chemikalien« und können als solche auch an Tieren getestet werden.

  • Das Verkaufsverbot muss von den einzelnen EU-Staaten durchgesetzt und kontrolliert werden. Manche Länder haben möglicherweise nicht das Wissen und die Mittel, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Tierqualkosmetik kann so weiterhin in unsere Läden gelangen.

  • Firmen, die seit Jahren auf eine tierversuchsfreie Politik setzen, sollten belohnt und nicht denen gleichgestellt werden, die erst durch ein gesetzliches Verbot auf Tierversuche verzichten. Das Vermarktungsverbot gilt außerdem nur für zukünftige Tierversuche, d.h. an den allermeisten Produkten klebt nach wie vor Blut.“[2]

Das Verbot von Tierversuchen für Kosmetik ist nur ein kleiner Schritt. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr fast 3 Millionen Tiere in Tierversuchen 'verbraucht', in Europa sind es rund 12 Millionen Tiere. Den überwältigenden Anteil an diesen Tieren haben Mäuse (in Deutschland über 2 Millionen von den knapp 3 Millionen Tieren), gefolgt von Ratten (in Deutschland 403490 im Jahr 2011). Noch immer werden reihenweise unsinnige und grausame toxikologische Tests durchgeführt, bei denen Tiere zu Messinstrumenten für Giftigkeit von Stoffen missbraucht werden. Nur die wenigsten Ergebnisse der Tierversuche sind wirklich auf den Menschen übertragbar, die verwendeten Tiere unterscheiden sich einfach in vielerlei Hinsicht viel zu stark vom Menschen. Es gibt viele Beispiele von Tierversuchsergebnissen, die für die Wirksamkeit oder Giftigkeit von pharmazeutischen Produkten oder Chemikalien kein übertragbares Ergebnis für den Menschen lieferten. Eine erschreckende Sammlung solcher Fälle findet sich auf der Seite der Ärzte gegen Tierversuche (“Wissenschaftliche Argumente gegen Tierversuche” [6]).

Obwohl seit Jahren immer die Rede von den 3R ist (Replacement=Ersetzen, Reduction=Reduzierung, Refinement=Verfeinerung 1 ), die als Prinzip die Zahl der Tierversuche reduzieren sollen, steigen die Tierversuchszahlen seit Jahren. Zumindest für die toxikologsichen Versuche, die für die betroffenen Tiere oft besonders schweres Leid bedeuten, ist mit REACH der Versuch unternommen worden, Chemikalien nur ein für allemal zu testen und mit einer einheitlichen Registrierung weitere Versuche unnötig zu machen. Allerdings gehen die Schätzungen, wieviele Tiere für REACH leiden und sterben müssen, sehr weit auseinander: “...trotz aller Bemühungen von Tierschutzseite sollen die Daten größtenteils in Tierversuchen erhoben werden. Schätzungen gehen von 8 bis 54 Millionen Tieren aus, die in den nächsten Jahren für REACH leiden und sterben sollen.” [7]

Das Verbot von Kosmetik-Tierversuchen, so klein dieser Erfolg auch sein mag, hat gezeigt, was durch eine kritische Öffentlichkeit erreicht werden kann. Nur die immer wieder erhobene Forderung nach einem Ende der barbarischen Tierversuchspraxis und ein bewusstes Kundenverhalten kann auf Dauer eine Veränderung bewirken.

 

 

Quellen

 

[1] Ärzte gegen Tierversuche: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/component/content/article/20-neuigkeiten/1102-wir-haben-es-geschafft-.html

[2] Ärzte gegen Tierversuche: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/infos/kosmetik-chemikalien/118-kosmetik-und-tierversuche.html

[3] KosmetikV: Verordnung über kosmetische Mittel (Kosmetik-

Verordnung), http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/kosmetikv/gesamt.pdf

[4] Kosmetik-Positivliste des Deutschen Tierschutzbunds: http://www.tierschutzbund.de/00754.html, Herstellerliste: http://www.tierschutzbund.de/kosmetikhersteller.html , Läden und Vertriebsfirmen: http://www.tierschutzbund.de/kosmetik-laeden.html , Allgemein Infos zu Kosmetik-Tierversuchen: http://www.tierschutzbund.de/tierversuche_kosmetik.html

[5] http://www.gocrueltyfree.org

[6] Ärzte gegen Tierversuche: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/infos/humanmedizin/102-wissenschaftliche-argumente-gegen-tierversuche.html

[7] Ärzte gegen Tierversuche: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/projekte/reach-projekt.html

[8] Menschen für Tierrechte: http://www.tierrechte.de/presse-a-magazin/pressemitteilungen/31-januar-2013-endlich-keine-tierversuche-fuer-kosmetik

[9] Tierschutz.org:http://www.tierschutz.org/tierschutz/problembereiche/versuchstiere/alternativmethoden/konzept3r.php

 


Zu denken ist in diesem Zusammenhang beispielsweise an Studien mit Mikroorganismen, Zell-, Gewebe- und Organkulturen, "niedrigeren" Lebewesen (Pilzen, Bakterien etc.) oder Computersimulationen. Um Tierversuche im Rahmen der Aus- und Weiterbildung zu ersetzen, besteht ausserdem die Möglichkeit des Einsatzes verschiedenster Modelle und Lehrfilme. Möglichkeiten zur Verminderung (Reduction) der Anzahl benötigter Tiere und deren Leiden ergeben sich etwa durch verbesserte Untersuchungstechniken, die Optimierung der Versuchsplanung, eine exaktere Risikoabschätzung oder auch durch transparente und aussagekräftige Tierversuchsstatistiken. Verfeinerungen der Tierexperimente (Refinement) erreicht man schliesslich durch sämtliche Massnahmen, die für die Labortiere eine Verringerung der Stresssituation und anderer Belastungen bedeuten. Hierbei ist das gesamte Versuchsumfeld zu überblicken; von entscheidender Bedeutung sind aber insbesondere die Labortierhaltung und das sog. Handling, d.h. die Art und Weise, wie die Tiere behandelt und auf die Eingriffe vorbereitet werden. Zu denken ist in diesem Zusammenhang etwa an die sorgfältige Vorbereitung auf die Experimente, verbesserte Narkoseverfahren, medikamentöse Analgesie (Schmerzbekämpfung) sowie eine allgemein gute Pflege und Behandlung. Die Schmerzen und Leiden von Labortieren auf ein Mindestmass zu reduzieren, gebieten im Übrigen aber nicht nur ethische, sondern auch wissenschaftliche Prinzipien. Erhöhte Belastungen vor und während den Versuchen beeinflussen die Resultate und können gar zu falschen Ergebnissen führen.“[9]