Letzte Aktualisierung: 10.05.2012

 

 

 

 

 

 

Ich weiss, dass dieser Text nicht preisverdächtig ist und sich bisweilen in Chronologie verliert und sein eigentliches Thema etwas verlässt. Ich werde ihn vielleicht in einer künftigen Version noch kürzen oder verschlanken. Erstmal ist es das, was mir aus den Fingern quoll. Clyde ist eine zentrale Person in meinem Leben und auch wenn ich zwischendurch von ihr als Thema abweiche, so gehört doch alles zusammen und alles zusammen zu meinem und Clydes Leben.

 

 

 

 

Clyde und ein who is who..

Das Fell gesträubt, den Rücken hochgebuckelt, die Arme leicht eingeknickt nähert sich Clyde seitwärts meiner Hand. Der Kopf schießt vor und zack bohren sich ihre Zähne in meinen Finger. Ich muß die Hand zurückziehen um nicht wieder alles vollzubluten.

Unsere Beziehung dauert schon seit fast 2 Jahren, ich kann es aber dennoch nicht lassen, sie bisweilen ein wenig zu ärgern, anzustubsen oder gegen ihren Willen über ihren Kopf zu streicheln. Ich habe eine Packung Pflaster an meine Tür geklebt, so dass ich immer ein Pflaster griffbereit habe. Das ist sinnvoll, wenn man eine wie Clyde liebt.

 

Als ich Clyde kennenlernte, steckte sie in einem Pappkarton, innen mit Fliegengitter aus Stahl verkleidet, ein paar Luftlöcher im Karton, drinnen Streu, Futterpellets, ein paar Gurkenscheiben und zwei sehr ängstliche, sehr unglückliche, sehr niedliche Ratten: Bonnie und Clyde. Auf dem Karton klebte ein Zettel: Zwei Weibchen, geb.07.01.10. Material. Material für Tierversuche. Material wie die 500.000 Ratten, die jährlich in deutschen Labors gequält und getötet werden – missbraucht als Messinstrumente, beispielsweise um die Giftigkeit irgendeines chemischen Stoffs als einen LD50 Wert angeben zu können. LD50, das ist die Letale Dosis, bei der 50% einer Rattenpopulation krepiert, die gezwungen wurde, diesen Stoff in dieser Dosis zu fressen. Für Bonnie und Clyde hatte man keine Verwendung. Überproduktion. Sowas wird normalerweise irgendwie entsorgt, z.B. als Futter im Zoo.

 

Es war der 12. April, als Christine von Tiere in Not Ennepetal e.V. (einer Labortiere Vermittlung) irgendwo im Rhein/Main Gebiet einen Stapel solcher Kartons mit überflüssigen Ratten übernahm und sie uns auf einem McDonalds Parkplatz übergab. Tja und einer dieser Kartons hatte die weite Reise zu uns nach hause gemacht. Beim Auspacken der anderen Kartons bei verschiedenen Empfängern hatten wir bereits gemerkt, dass man die Tiere gar nicht so einfach aus dem Karton nehmen und in einen Käfig setzen konnte. Die Kleinen waren so verstört, dass sie jeden erdenklichen Fluchtweg, auch den Luftweg antraten, sowie der Karton geöffnet wurde. Derart vorgewarnt stellte ich – zuhause angekommen – den Karton in den vorbereiteten Käfig und öffnete ihn darin, so dass Bonnie und Clyde nur dem Karton entsteigen mussten um ihr neues Zuhause in Augenschein nehmen zu können. Ich nehme an – ich weiss es aber nicht, dass Bonnie und Clyde bis dahin nur Macrolonwannen als Umgebung kannten. Jedenfalls war ihnen so ziemlich alles fremd, was jetzt in ihrer Umgebung vorzufinden war, vom Futter über Hängematten, Kuscheltunnel, Häuschen, Ästen und und und.

 

Bonnie und Clyde durften in den folgenden Tagen im abgesperrten Flur laufen. Im Flur, weil mein Zimmer vollständig Luna und ihren Kindern uund dem Rest des alten Rudels gehörte. Sie duldeten keine Fremden und mich an eine Vergesellschaftung zu machen, wo ich doch Bonnie und Clyde nicht einmal greifen konnte, schien mir verfrüht. So liefen die beiden erstmal im Flur. Wobei Laufen immer vor allem dann stattfand, wenn kein Mensch in der Nähe war. Sowie ich mich näherte, flitzten die beiden wie geölte Blitze unter den nächstbesten Schrank und dort sassen die beiden dann bis die Luft wieder rein war. Einsammeln der beiden war nur mithilfe einer Röhre möglich in die sie in den seltensten Fällen freiwillig hineinliefen. Meist musste ich ihnen jeden anderen Ausweg verbauen, s.d. sie in das Rohr flüchten konnten. Das andere Ende des Rohrs hielt ich dann schnell zu und sowie eins der beiden Mädels in das Rohr hineingeflitzt war, konnte ich das Rohr zum Käfig tragen und ihnen das Verlassen des Rohrs in den Käfig hinein ermöglichen. In den Auslauf im Flur brachte ich sie zu dieser Zeit, in dem ich den Käfig, der wohlweislich auf Rollbrettern stand, in den Flur rollte und dort nachdem ich den Flur in alle Richtungen abgesperrt hatte die Käfigtüren öffnete.

Und wenn ich dann die Nähe des Käfigs verliess, kam langsam die erste vorsichtige Nasenspitze aus der Käfigtür, überprüfte die Gefahrenlage und – wenn es für hinreichend ungefährlich gehalten wurde – dann flitzte die erste der beiden aus dem Käfig und husch unter den nächsten Schrank.

Immer wieder setzte ich mich im Schneidersitz zu den beiden in den Flur auf den Boden und so ganz langsam gewöhnten sie sich auch an meine Gegenwart. Erst kam Bonnie seeeeeeehr vorsichtig und neugierig immer näher, später traute sich auch Clyde immer näher -vorzugsweise von hinten, so dass ich es nicht merke. Es war ein Moment süssen Triumphs, als Bonnie das erste Mal vorsichtig auf meinen Schoss stieg. Natürlich blieb sie dort nicht lange, sondern raste bei meiner ersten Bewegung wieder unter den Schrank. Einige Tage später traute sich Clyde auch ganz vorsichtig auf meinen Schoss. Clyde reagierte immer sehr sensibel darauf, wenn ich sie versuchte anzuschauen. Sowie sie bemerkte, dass sich mein Gesicht ihr zuwandte, war sie weg. Anschauen war genauso schlimm wie ein scharfes, lautes Geräusch.

 

Manchmal in diesen ersten Tagen holte ich mir meine Decke in den Flur und legte mich dorthin um zu schlafen. Einfach Präsenz zeigen, da sein, meine Geräusche machen, s.d. sich die beiden ein wenig an mich gewöhnen konnten. Die beiden machten unglaublich langsame Fortschritte und von Vertrauen mir gegenüber konnte überhaupt nicht die Rede sein. Wenn ich mit den beiden voran kommen wollte, dann musste ich andere Waffen auffahren. Durch traurige Umstände kam im Mai Fluffy zu uns. Sie war durch einen „Unfall“ im Auslauf einer Freundin, die beide Geschlechter hielt, gemeinsam mit einem anderen Weibchen ihres Rudels schwanger geworden. Beide Ratten hatten ihre Welpen nur tot zur Welt bringen können und überdies war das andere Weibchen so geschwächt und hatte Wasser in der Lunge, s.d. ich mich entschliessen musste, sie erlösen zu lassen. So blieb Fluffy, statt nur eine Kurzzeitpflegschaft zu sein, hier bei uns, da auch eine Rückführung in ihr altes Rudel eine sorgfältige Vergesellschaftung bedeutet hätte und ihre vorherige Halterin sich damit einverstanden erklärte, Fluffy mir zu überlassen.

 

Die Vergesellschaftung von Fluffy mit Bonnie und Clyde war so einfach und unspektatkulär, dass ich hier nicht viele Worte darüber verlieren muss. Die 3 verstanden sich auf Anhieb und es war schön, dass sich rund um Bonnie und Clyde ein kleines Rudel formen liess. Später konnte ich noch Black und Beauty, Schwestern von Fluffy, die nie richtig mit meinem grossen Rudel warm geworden sind, aus dem Zimmer nehmen und in das neue, kleine Rudel integrieren. So schön es war, jetzt fünf Tiere als Flur-Rudel zu haben, die sich gut verstanden und die ab jetzt immer zusammen blieben, so wenig brachte es mir Bonnie und Clyde näher. Auch Black, Beauty und Fluffy waren eher scheu und liessen sich weder gerne einfangen noch mochten sie festgehalten und bekuschelt werden und statt zwei scheue Tiere hatte ich nun fünf scheue Tiere im Flur sitzen, die vor mir nach Möglichkeit Reissaus nahmen und sich auch nur ungern in den Käfig bugsieren liessen, geschweige denn, dort freiwillig hineingingen. Das war nicht weiter schlimm, meine Geduld ist gross – so durften sie denn bis auf Ausnahmen frei im Flur leben.

Allerdings befimdet sich in dem Flur auch unser grosser Vorratsschrank und meine Versuche, diesen durch ein paar davor gestellte Holzplatten zu sichern, erwiesen sich allzu schnell als laecherlich. Jedes provisorische Hindernis wurde sofort überwunden und so machte ich mich daran, den Schrank mit einer Tür aus stählernem Fliegengitter zu versehen.

Kleine, junge Ratten, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben, sind unglaublich gute Kletterer. An einem senkrecht hängenden Stück Stoff emporzuklettern ist für eine kleine Ratte eine leichte Übung. Auch ein nacktes Bein eignet sich ausgezeichnet um Dank spitzer Krallen daran hochzulaufen – diese Erfahrung habe ich mit den zutraulicheren Tieren schon oft machen dürfen. Und – ich denke, das kann sich jeder vorstellen – diese Erfahrung ist eine durchaus schmerzliche, je besser das geliebte Tierchen im Futter steht. Bei Bonnie und Clyde und ihrem Rudel brauchte ich mir diese Sorge allerdings nicht zu machen, ich hätte mich ausserordentlich gefreut, hätten die fünf ein derartig grosses Interesse an mir gezeigt. Stattdessen begannen sie, meine Garderobe zu bewohnen. Garderobe ist natürlich zuviel gesagt, vielmehr hängen meine Jacken an Kleiderhaken an der Wand. Zwecks besserer Erreichbarkeit steht unterhalb der Kleiderhaken ein altes zweistöckiges Nierentischchen – also ein Tischchen mit Ablage. Das Ablagefach ist wunderbar eng, mit ein wenig Zeitungspapier kann man sich in 50cm Höhe einen kuscheligen Schlafplatz bauen, der ein wenig über den Dingen liegt und wegen des Stellorts des Tischchens auch ein wenig abseits vom Durchgangsverkehr im Flur liegt. Jede Ratte, die unsere Wohnung bewohnt und die irgendwann mal die GElegenheit dazu hatte, hat unter dem Tischchen bereits ein gemütliches Entspannungsschläfchen gehalten. Wer besonderes Glück hatte, konnte die Vorräte plündern, die ein vorsorgliches Rudelmitglied dort zuvor angelegt hatte.

Bonnie und Clyde liebten diesen Tisch mit seiner Rast- und Versteckmöglichkeit und schlugen dort eines ihrer dauerhaften Lager auf. Die anderen beiden – ebenso beliebten – Verstecke befanden sich unter den beiden Schränkchen, die uns im Flur der Aufbewahrung von Haushalts- und Apothekenkrams dienen. Wir lagern unsere Sachen in den Schränken, die Ratten lagern sich und ihre Schätze unter den Schränken.

Von besagtem Tischchen ist es für eine junge, quirlige und einigermassen trainierte Ratte ein leichtes in die Jacken und Mäntel zu klettern, die darüber hängen. Auch bei grundlichstem Entleeren und Kontrollieren aller Taschen der Jacken, die dort hängen, gibt es für Ratten immer noch unendlich viel in abgehängten Jacken zu stöbern, suchen, zu erkunden und ggf. abzutransportieren. In den Taschen oder auch einfach nur in einem günstig hängenden Ärmel kann man ein prima Nickerchen machen. Zu diesem Zeitpunkt hing ich noch der Illusion an, die Ratten nutzten meine Jacken, ohne sich bspw. für die anderweitige Verwendung von Futterstoff zu interessieren. Auch kam mir noch nicht in den Sinn, dass es für eine Ratte ggf. einfacher ist, sich einen kleinen Verbindungstunnel zwischen Lieblingsärmel und Lieblingstasche zu bauen. Diese Erkenntnis ist mir aber inzwischen gekommen und heute weiss ich, dass man nicht zu sehr an den Jacken hängen sollte, die man dort aufhängt. Wenn man sie noch braucht, sollte man sie besser woanders ablegen oder hinhängen.

Ich hatte also eine Tür für den Vorratschrank gebaut, die mit vermeintlich nagesicherem stählernen Fliegengitter unsere Vorräte vor meinen kleinen Freundinnen schützen sollte. Der Draht erwies sich auch als ziemlich nagesicher – es dauerte 1 1/2 Jahre, bis mir die kleine Liska bewies, dass unbeugsamer Rattenwille und harter Rattenzahn auch Wege durch dieses Gitter findet, aber davon wird später zu berichten sein. Clyde jedenfalls nagte sich nicht durch das Gitter. Die Vorräte IM Schrank waren vor ihr gut beschützt, nicht aber die Dinge AUF dem Schrank. Das Fliegengitter erwies sich als ausgezeichnete Steigwand für Clyde, die mit einem Tempo, auf das andere Ratten auf ebener Erde stolz sein könnten, die Tür hinauflief um oben auf den Schrank zu gelangen.Zu dieser Zeit kam ich zu der Einsicht, dass der wohl grösste Unterschied zwischen einer Ratte und einem Eichhörnchen aus ein paar Haaren am Schwanz besteht. Clyde jedenfalls begnügte sich nicht nur mit dem Erklimmen des Vorratsschranks, sondern sie setzte ihre Erkundung auf den quer über der Tür angebrachten Ablagebrettern fort. Rattenhalter führen einen permanenten Krieg gegen die Intelligenz ihrer Tiere; meistens sind wir Rattenhalter ein paar Schritte zurück. Selbst die augeklügeltsten Vorrichtungen können auf Dauer nicht kaschieren, dass wir permanent ins Hintertreffen geraten. Rattenhalter berichten einander immer voller Stolz auf die eigenen Tiere von ihren Niederlagen gegen die Intelligenz ihrer Tiere. Manch einer zeigt dann mit Begeisterung und einem entrückten Lächeln auf die Nagerschäden an Kleidung oder Inventar.

Gegen Clyde errichtete ich also einen Überkletterschutz an der oberen Kante des Schranks. Überstehende Pappe, mehr als 10cm über den Rand des Schranks in den Flur reichend. Das hielt Clyde für eine Zeit von ihren Erkundungen auf dem Vorratsschrank ab. Kurzzeitige Führung für mich also.

Über Wochen und Monate liess ich immer wieder meine fremdenfeindlichen Zimmerbewohner, Zora, Luna und ihre 9 Töchter, Marie, Klara, Emma und Elvira auf die 5 im Flur treffen. Während Marie die Lage mit der Coolness einer lebenserprobten, gesetzten, älteren Dame abschätzte und weitestenteils ignorierte, verbrachte Elvira komplette Begegnungen in Rückenlage. Klara und Elvira verhielten sich ebenfalls eher professionell, Zora wie immer unendlich neugierig und keck aber freundlich. Luna und ihre fremdenfeindliche Brut allerdings machten mir und den fünfen das Leben schwer. Luna und Fluffy nahmen ihre Rollen in einem immer gleichen Prozedere ein, das daraus bestand, dass Fluffy sich in ein Rohr, in ein Häuschen oder irgendeinen anderen Unterschlupf setzte, Luna davor. Luna borstelte und klopfte mit den Händen an den Unterschlupf und Fluffy piepste herzzerreissend. Sonst passierte eigentlich nicht viel. Die beiden wurden nicht miteinander warm, gewöhnten sich nicht aneinander, sie nahmen nur immer wieder diese, ihre Rollen im immer wiederkehrenden Spiel ein. Fluffy war in ihrer Rolle auch nicht übermässig verängstigt oder dergleichen. Die beiden nahmen gerne zwischendurch Leckereien oder andere dargebotene Erfrischungen an, verspeisten sie in gemütlichen Pausen ihrer Darbietung um dann den Faden wieder aufzunehmen und uns mit Geborstel und Gesang zu erfreuen. Lunas 9 fremdenfeindliche Töchter, 6 davon in brauner Agoutifärbung, tanzten immer gerne ihre Borsteltänze. Das Fell hochgestellt, hochbeinige braune Fellbälle, versuchten sie die 5 Flurbewohner auf eindrücklichste zu vertreiben. Ihr fremdenfeindliches, borstiges Gehabe trug Lunas Töchtern damals den Kosenamen „Nazis“ ein. Frech, biestig, braun und fremdenfeindlich. Auch wenn 3 von ihnen eine Husky-Zeichnung hatten, es war ihr beeindruckendes Auftreten als unfreundliche Horde, das diesem Namen zur Ehre gereichte.

Das Leben und alles was so dazu gehört ging seinen Gang. Ratten haben ein kurzes Leben und lassen – als Rudel betrachtet – eigentlich keine üble Krankheit aus und so erkrankte in dieser Zeit überraschend und schnell die eigentlich noch ziemlich junge Beauty an Lymphdrüsenkrebs. Binnen einer Woche ging es mit ihr zuende. Auch im grossen Rudel lagen immer mal wieder Tumor Operationen an und auch an Emma, Marie, Elvira und Klara ging das Leben nicht spurlos vorüber, sondern zeigte seine Spuren in Form rasierter Flecken und geklammerter Nähte, wo sich vorher Beulen gebildet hatten. Ich lasse Tumore nach Möglichkeit immer so früh wie möglich entfernen – kaum eins meiner Tiere hat ein völlig intaktes Fell. Wer alt wird hat in der Regel mindestens eine Tumor Operation erlebt. Beauty allerdings war leider nicht zu helfen und so mussten sich fortan also nur noch 4 Flurbewohner den Zimmerbewohnern stellen. Aber auch Emma war nach langer Zeit des Tumorwachstums nicht mehr zu helfen.

Am 27.August zogen 5 weitere Tiere aus priaten Abgaben – eine 4er Gruppe (Kiwi, Djuka, Naju und Grisu) und ein Einzeltier (Tabsy) hier ein. Die Vergesellschaftung mit den 4 Flurbewohnern ging zügig unn ohnen nennenswerte Vorkommnisse über die Bühne und so standen auf einmal 9 Tiere den noch 14 Zimmerbewohnern gegenüber. Merkwürdigerweise wurde die Vergesellschaftung der beiden Gruppen aber durch die Anzahl der Tiere deutlich erleichtert anstatt erschwert und so konnte ich mich Anfang September zurücklehnen und mein vereintes 23 Tiere zählendes Rudel frei in meinem Zimmer laufend bewundern und geniessen. Wenn man fast ein halbes Jahr immerzu im Zustand der Vergesellschaftung verbracht hat, wieder und wieder und wieder und wieder in Scharmützel und Gefechte eingreifen musste und manchmal wirklich am Erfolg der ganzen Mission gezweifelt hat und dann auf einmal ein Rudel erlebt, in dem 23 Tiere meistenteils friedlich miteinander interagieren, dann kann man sein Glück kaum noch fassen. Inmitten eines solchen Rudels sitzen zu dürfen, ist wie der Himmel auf Erden. Die Bandbreite von extrem zutraulichen Tieren wie Marie oder Kiwi, die teils mit mir zusammen im Bett schliefen, bis zu extrem scheuen Tieren wie Clyde, die mich am Liebsten wenn überhaupt, dann aus weiter Ferne sehen mochte, ist enorm. Aber egal, jede hat ihren Platz in der Gruppe, jede verhält sich individuell verschieden. Jedes Tier ist mir gleich lieb; die, die mir beim Betreten des Zimmers entgegen laufen und die, die die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Alle hab ich lieb, alle sind meine Familie, alle haben ihren eigenen kleinen Platz in meinem Herzen. Und es herrscht eine himmlische Ruhe – nein Ruhe natürlich nicht wirklich, sonder totale Unruhe und völliges Chaos, wenn alle durcheinander rennen. Innere Ruhe, ein Rudel, eine Harmonie. Und mittendrin Clyde. Clyde mit ihrem verschlagenen von unten gerichteten Blick, wie ein kleiner Panzer drängt sie sich durch die Gruppe, erkämpft sich den ihr zustehenden, nach Möglichkeit besten Platz am Futter. Holt sich inzwischen – immer wieder zagend zwei Schritte vor und einen zurückmachend, immer bereit sofort die Flucht anzutreten – auch Leckereien aus meiner Hand. Zu verlockend sind die Kleinigkeiten, die es nur aus der Menschenhand gibt, die nicht im Futternapf zu finden sind, als dass Clyde ihnen wiederstehen könnte. Für manche Leckereien muss man als Ratte eben auch ein kleines Risiko eingehen. Für manche Dinge ein kleines Risiko, für andere Dinge evtl. auch mal ein grösseres.

Ich kann nicht sagen, dass irgendwann ein Knoten geplatzt sei. Ich kann keinen Moment benennen, in dem Clyde erstmalig den anderen folgend sich auf meinen Schoss getraut hätte. Wann sie das erste Mal offen vor mir sass und nicht die Flucht ergriffen hat. Ich kann nicht mal sagen, wann ich das erste Mal habe Clyde einfach nur mit den Händen habe greifen können, ohne dass sie wie verrückt versucht hätte zu entkommen. All das kann ich nicht konkret benennen, aber dennoch ist es Stück um Stück um Stück passiert. Monate der kleinstschrittigen Annäherung, Monate, in denen mir die winzigkleinen Fortschritte gar nicht so bewusst geworden sind, Monate, in denen wir uns zentimeterweise näher gekommen sind. Monate, in denen sich ein feines, zartes Band zwischen uns gebildet hat, in denen Clyde ihre so übermächtige Angst und Scheu vor mir verloren hat.

Clyde ist ein Wunder. Sie wurde im Labor geboren, früh von der Mutter getrennt, nur mit ihrer Schwester Bonnie auf beengtem Raum sozialisiert – und nun sitzt sie hier, ein Tier, das das Verhaltensrepertoire ganz anders sozialisierter Tiere beherrscht. Sie kommuniziert mit den anderen, verschafft sich Geltung, kämpft sich durch und dominiert viele aus dem Rudel. Sie ist keine Einzelgängerin sondern kuschelt auch mit anderen, aber sie strotzt vor Individualität. Im Rudel bilden sich ganz andere, neue Bindungen und Beziehungen. Bonnie geht völlig im Rudel auf und verträgt sich mit allen gut. Sie schläft mit den anderen in grossen Gemeinschaftshäuschen, sie isst mit den anderen, putzt die anderen und wird geputzt....

Clyde ist anders. Clyde ist stark. Clyde ist spröde. Clyde kämpft auch mal und Clyde ist Siegerin. Clyde putzt, aber lässt sich nicht gerne putzen. Und Clyde sucht sich gerne ihren Platz abseits von den anderen. Clyde sucht sich ihr eigenes Häuschen, eines in dem keine andere bereits liegt.

Im Oktober machte mich eine Freundin auf eine eBay Kleinanzeige aufmerksam: Ein einzelnes Weibchen sei in Oldenburg zu verschenken. Die Geschichte von Isabella ist überaus traurig. Sie war als junges Ding einzeln in einem Zooladen gekauft worden und nachdem die Käuferin sich dort nach ein paar Wochen nach Gesellschaft für Isabella erkundigte, war ihr mitgeteilt worden, man könne Ratten nicht später vergesallschaften, sie zerfleischten sich dann. So lebte Isabella dann ihr Leben alleine in einem Käfig in einer Küche in Oldenburg. Anfangs hatte sie noch Auslauf bekommen, da sie sich aber nicht auf dem Sofa halten liess, sondern das ganze Zimmer untersuchen wollte unterblieb auch der Auslauf. Dann bekam die Halterin auch noch eine Rattenhaarallergie und nun müsse das Tier eben weg. So zog sie dann bei uns ein.

Damit sich Isabella nicht alleine einer Vergesellschaftung stellen müsste schaute ich erneut in die Kleinanzeigen und fand ein weiteres Einzeltier in Varel. Baileys war noch jung, war frecher als kräftig und hatte bei vorherigen Vergesellschaftungsversuchen wegen ihrer unbekümmerten Art ziemlich auf die Klappe bekommen und sass nun alleine in einem Glasterrarium mit ungeeignetem Untergrund. Sie hatte Milben und Schnupfen. Dennoch habe ich Baileys und Isabella am selben Abend zusammengesetzt und dann eben gleich beide gegen Milben und Baileys gegen ihren Schnupfen behandelt. Die Zusammenführung der beiden war herzergreifend. Was als vorsichtiges erstes Kennenlernen gedacht war, wurde zu einem Rührstück erster Güte. Die beiden fielen förmlich übereinander her, putzten einander ab dem ersten Augenblick des Zusammenkommens, kuschelten sich aneinander und schliefen ein. Es wird zu recht immer vor Blitzintegrationen gewarnt und ich möchte diese Begebenheit nicht als Positivbeispiel für eine fragwürdige Form der Zusammenführung falsch verstanden wissen. Es war einfach wie es war. Ich habe dann neben dem Käfig mit den beiden geschlafen, um mitkriegen zu können, falls sich an der Harmonie zwischen den beiden doch noch etwas ändern sollte, aber die beiden vertanden sich auch weiterhin prima und genossen die Zweisamkeit, die sie so lange haben entbehren müssen. Auslauf bekamen die beidn im Flur. Als im November dann Jimini, Esmeralda und Imelda zu uns kamen und mit Baileys und Isabella vergesellschaftet wurden, gab es wieder ein Rudel im Flur. Die schrittweise Vergesellschaftung mit den Zimmerbewohnern verlief dieses Mal ohne grosse Probleme. Auch die Nazis waren ja nun inzwischen ein wenig älter (jetzt 1 1/3 Jahre) und ruhiger und nicht mehr gar so fremdenfeindlich. Nach ein paar Wochen des gemeinsamen Auslaufs konnten die 5 aus dem Flur mit in das Zimmer einziehen.

Das Leben ist ein Kommen und Gehen. Tiere erblicken das Licht der Welt, man findet Freunde, entwickelt tiefe Liebe zu Rudelmitgliedern, zur Gruppe kommen neue Tiere und alte, liebe Freunde gehen, verlassen diese Welt. Der Willkommensgruss mischt sich mit Abschiedsschmerz und während man noch den Abschied von einer geliebten Freundin beweint steht das nächste Notfellchen bereits vor der Tür. Bei Ratten geht das in Zeitraffer. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von vielleicht 2 Jahren, herrscht auch in einem grossen Rudel ein ständiges Kommen und Gehen, zumal dann, wenn die Neuankömmlinge auch schon meist älter als ein Jahr sind.

Immer wieder liegen Tumor Operationen an, immer wieder müssen einzelne Tiere Medikamente bekommen, nach Operationen gesund gepflegt werden und immer wieder verlässt einen eine teure Freundin. So bitter es ist, teilweise in kurzer Folge mehrere Tiere zu verlieren, der Rest des Rudels verlangt stets Aufmerksamkeit und will bespasst, gefüttert, getränkt werden, das Zimmer muss einmal in der Woche komplett gereinigt werden. Überall in meinem Zimmer liegen Rohre, stehen Häuser, Wassernäpfe, Verstecke, Turn- und Klettermöglichkeiten. Alles wird rausgeräumt und alles was wasserfest genug für solch eine Behandlung ist, wird in der Dusche abgebraust.

Das Stückwerk aus aufeinander getürmten Käfigen, die mit Durchgängen versehen waren, mit Rohren und Brücken verbunden waren, ist nach und nach einer Schrankwand aus 4 2er Uni-Domen gewichen, wieder alle horizontal und vertikal miteinander verbunden, so dass die Tiere inerhalb ihres Käfigs auf 4 Etagen über die volle Zimmerbreite laufen können. Die Türen dieser Schrankwand bleiben aber stets offen, der Käfig dient also nur als Rückzugsort, die Tiere können aber auch woanders schlafen – dafür stehen auch oben auf dem Käfig und verteilt im ganzen Zimmer Häuschen zur Verfügung. Je nach Gründlichkeit der Reinigungsaktion, Austausch aller Hängematten, Ausbacken der Heu-Häuser, Auswischen aller Käfige, Abwischen aller Flächen,.... ist der Samstag meist komplett verplant mit der wöchentlichen Reinigung. Meine Tiere leben in und auf alten Zeitungen. Die Käfige sind ausgelegt mit ganzen Zeitungsbögen, so wie sie zusammengelegt aus mehreren Bögen der Zeitung entnommen werden können, also meist 4-6 fach. In die Häuschen und Sputniks kommt geschreddertes Zeitungspapier, so dass kuschelige Nester entstehen. Zwar könnten sich meine Tierchen ihre Häuser auch selber einrichten, wenn ich ihnen nur einfach Zeitungsschredder anböte, aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass sie einzelne Häuser so vollstopfen, dass niemand mehr hineinpasst, während andere Häuser nackt und kahl bleiben und dann wegen Ungemütlichkeit nicht benutzbar werden. Da ich aufgrund meines Lebensrythmus tagsüber, d.h. während ihrer Tagesruhephase putze, sie also aus dem Schlaf aufschrecken muss, um die Häuschen zu putzen, finde ich es nur recht und billig, dass ich mit ein paar Handgriffen das erledige, wofür sie wesentlich länger benötigen würden. Nachbarn, Freunde, Bekannte und Familie sammeln für mich und die Tiere ihr Altpapier. Es kommt durchaus vor, dass ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten Kartons mit gestapeltem Altpapier geschenkt bekomme. Und das ist dann wirklich ein wunderschönes Geschenk, über das ich mich immer wieder sehr freue. Meine Ratten besitzen einen Aktenvernichter. Ich habe damals beim Kauf extra darauf geachtet, dass dieser möglichst viel Papier auf einmal schreddern kann. Nominell beträgt seine Leistung 15 Blatt Papier auf einmal, aber Zeitungspapier ist dünn und so kann es auch sein, dass ich ihn mit deutlich dickeren Stapeln Papier füttere. Normalerweise einmal wöchentlich – abends oder morgens vor dem Grossputz sitze ich dann mit dem Aktenvernichter, einem dicken Stapel Zeitungen und einem grossen Jutesack in der Küche und schreddere was das Zeug hält. Auch diese Betätigung kann gut und gerne mal eine halbe bis eine Stunde in Anspruch nehmen. Früher – als wir noch „nur“ 7 Ratten hatten – habe ich das Papier noch von Hand gerissen. Da sass ich dann oft stundenlang im Garten oder in der Küche oder im Gespräch mit Freunden (die eigentlich zum Kartenspielen oder Klönen gekommen waren und die bisweilen ziemlich genervt von meiner nicht eben leisen Tätigkeit waren) und riss und riss und riss bis mir die Handgelenke schmerzten, die Fingerkuppen glänzten und mich nach und nach die Lust verliess. Dann beschloss ich, den Ratten einen leistungsfähigen Aktenvernichter zu schenken. Die Arbeit blieb trotzdem an mir hängen. Aber sie geht natürlich jetzt deutlich schneller, leichter und kräftesparender von der Hand. Arbeit bleibt es trotzdem.

Beim Putzen bekommt man mehr oder minder jedes Tier auch einmal in die Finger und kann es abtasten und kurz in Augenschein nehmen, bevor man es woanders wieder absetzt oder in ein zuvor bereits gereinigtes Häuschen entlässt. Einige der Tiere, in der Regel die Zutraulicheren sind so schlaftrunken, dass sie von der Kurzuntersuchung nicht viel mitbekommen. Andere, und zu diesen gehörte Clyde auch lange, lange Zeit, bekommt man selbst beim Putzen nicht beiläufig in die Hand, sondern man muss es schon gezielt darauf anlegen. Man ahnt ja in der Regel bereits, wo sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wer aufhält und wenn man dann ein bestimmtes Häuschen hochhebt oder öffnet, dann ist man mental schon darauf vorbereitet, ein bestimmtes Tier gezielt herauszugreifen während man sich um die anderen Bewohner des Hauses nicht weiter kümmern wird. So ist man also für den Zugriff geistig vorbereitet und nicht gewillt, das Tier entwischen zu lassen. Das Dumme ist nur, wenn die Gegenseite ebenfalls auf den Zugriff vorbereitet ist. Clyde wusste in der Regel vorher, dass man es auf sie abgesehen hatte. Sie machte dann entweder bereits lange bevor das Häuschen an die Reihe kommt die Biege, oder wartete sprungbereit am Ausgang und flitzte wie der Teufel los, wenn man das Häuschen in Reinigungsabsicht auch nur berührte. Und wenn die Vorsorgestrategie nicht greifen sollte, dann kann man das Gegenüber mit einen gezielten kurzen aber herzhaften Biss so überraschen, dass man doch noch das Weite suchen kann, bevor es zum Ärgsten, der Abtastuntersuchung, kommen kann. Clyde war früher eine Meisterin dieses Spiels.

Ich schreibe das in der Vergangenheitsform, weil es nicht mehr so ist. Clyde lässt sich inzwischen problemlos hochnehmen. Sie lässt auch eine Untersuchung über sich ergehen und sie lässt es auch geschehen, wenn man sie leicht streichelt. Clyde ist einfach cool geworden im Alter. Sie hat begriffen, dass ich nichts mit ihr mache um sie zu ärgern. Und dass ich sie auch immer wieder loslasse, dass ich sie laufenlasse, dass sie sich dann in der Regel nur umdrehen muss und das zum Ausgleich des ihr widerfahrenen Unrechts angebotene Leckerchen annehmen kann.

 

Am 22.Februar hatte ich Mail vom TH Oldenburg:

„Freitag kam ein Mann mit einem Rucksack, den er angeblich gefunden hätte und darin waren acht Ratten. Wir glauben, dass es acht Mädels sind, ältere und jüngere, sehr hübsch und bislang auch sehr lieb.“
Wow! Gleich acht. Das Oldenburger Tierheim hat eigentlich relativ selten Ratten zu Gast. Die letzten Rattengesuche und -abgaben liessen sich glücklicherweise alle ziemlich schnell durch Vermittlung lösen, ohne dass die Tiere im Tierheim hätten unterkommen müssen.

Ich gehöre dem Tierheimteam nicht an, kümmere mich aber auf Zuruf gerne um Ratten und deren Vermittlung und so war ich natürlich auf die 8 kleinen Damen sehr gespannt und bin gleich am nächsten Tag nach der Arbeit zum Tierheim gedüst.

Da sassen sie nun vor mir im Käfig, eine niedlicher als die andere. Neugierig und ein bisschen ängstlich und wollten am Liebsten nur ungestört miteinander kuscheln. Ich wollte aber Fotos von ihnen für die Vermittlung machen und sie ausserdem ein wenig von Nahem begutachten. Es stellte sich auch prompt heraus, dass ihre Öhrchen picklig vom Räudemilbenbefall waren. Also gleich erstmal mit einem Spot-On behandeln. Beim in die Hand nehmen fiel uns auch gleich auf, dass die eine Dame ein rundes Bäuchlein hatte. Es würde also nicht bei 8 Ratten bleiben.

Ein wenig verliebt, mit niedlichen Fotos und einem Haufen Sorgen fuhr ich also wieder nach hause. Es würde sowieso schon nicht ganz leicht werden, die 8 Mädels in gute Hände zu vermitteln – so gross ist die Nachfrage nach Ratten in Oldenburg nicht. Auch macht es mich immer traurig, eine funktionierende, friedliche Gruppe aufzuteilen und die Gruppenmitglieder in kleinen Gruppen wegzugeben. Diese sozialen Tiere, f'ür die ihr Rudel doch so wichtig ist, würden einander nie wieder sehen. Und dann noch dazu einen ganzen Wurf Rattenbabies, normalerweise zwischen 10-18 Babies. Au weia.

 

Ich bin in mehreren Rattenforen aktiv und so habe ich die 8 Damen in 3 Foren zur Vermittlung angeboten.

Am 3.3. erblickten dann 14 kleine, nackte, rosa Wuemchen das Licht dieser Welt. Na ja, genau genommen nicht, denn Rattenbabies machen erst nach 2 vollen Wochen das erste Mal die Äuglein auf. Um den Stress für Mama und die Babies möglichst gering zu halten, wurde die junge Familie in einen eigenen Käfig umgezogen.

Inzwischen hatten sich dann auch die ersten Interessentinnen für die süssen Fundratten gemeldet und so zogen am 18.03 eine 2er Gruppe und eine 3er Gruppe zu lieben Körnergebern. Da sowieso geplant war, dass Mama mit ihren nunmehr 2 Wochen alten Kindern zu mir ziehen würde, damit ich die Kleinen durch intensiven und täglichen Kontakt an menschliche Hände gewöhnen könnte, bl ieb also nur ein 2er Grüppchen im Tierheim zurück. Äh, nein – es blieb nicht zurück, Thelma und Louise kamen halt kurzerhand mit zu mir. Ich kann kleinen, wunderschönen Rattendamen, die einmal auf mir herumgeklettert sind und denen ich in ihre Knopfaugen geschaut habe, nun mal nicht widerstehen....

Während Thelma und Louise in ein eigenes Käfigabteil einzogen, bezog Mama mit ihren Babies eine Voliere in unserem Wohnzimmer.

In den folgenden Wochen musste ein strikter Plan durchgehalten werden. Morgens vor der Arbeit bekommen alle meine Ratten Frischfutter und frisches Wasser, mein grosses Rudel tobt eh frei in meinem Zimmer herum. Mama, Thelma und Louise sollten zusammen Auslauf im Flur haben, damit sie sich nicht völlig voneinander entfremdeten. Die Babies habe ich dann ebenfalls morgens eingesammelt, mit ihnen herumgetuedelt, sie gestreichelt und an mich gewöhnt.

Nach der Arbeit abends, dann das selbe Programm nochmal.

Für die Babies fanden sich dann ebenfalls in den Foren recht schnell Interessenten, so dass sie im Alter von 5-8 Wochen allesamt, schöne neue Zuhauses gefunden hatten. Von den 14 Babies waren 4 kleine Boeckchen, die man wegen einsetzender Geschlechtsreife bereits nach 5-6 Wochen spätestens von den Schwestern und der Mutter trennen muss, wenn man nicht in Ratten untergehen möchte. Die 4 zogen also zu einer Bekannten, 3 der kleinen Mädchen traten den Weg nach Schleswig-Holstein an, eine 2er und eine 3er Gruppe zogen ins Oldenburger Umland und 2 kleine Mädchen, Aisha und Fatima, blieben bei Mama und bei mir.

Von den 22 Ratten sind also alle erfolgreich vermittelt worden, wobei ich gestehen musss, dass ich 5 der Tiere an mich selber vermittelt habe. Wenn ich Ratten vermittle, erkundige ich mich sehr genau über die Einstellung und Erfahrung der Interessentin. Auch die Frage nach dem finanziellen Background spielt dabei eine wichtige Rolle. Ratten sind zwar in der Anschaffung 'billige' Tiere, aber bei einer tiergerechten ärztlichen Versorgung können im Krankheitsfall doch nicht unerhebliche Kosten entstehen. Ausserdem ist eine unumgehbare Vermittlungsbedingung, dass Ratten immer mindestens zu dritt leben dürfen und niemals als Einzetiere abgegeben werden, auch nicht, wenn bereits Ratten bei der Interessentin leben. Ratten als äusserst soziale Lebewesen müssen immer mindestens einen Partner oder eine Gruppe als Rückhalt haben.

Pünktlich zu Ostern, Mitte April, konnte ich dem Tierheim verkünden, dass alle 22 Ratten sicher und in guten Händen untergekommen sind.

Relativ bald darauf musste eine der Halterinnen die 3 Ratten, die sie im März übernommen hat, aus persönlichen Gründen wieder abgeben. Diese 3 sind inzwischen zu ihren Verwandten bei mir eingezogen. Ich kann kleinen, wunderschönen Rattendamen, die einmal auf mir herumgeklettert sind und denen ich in ihre Knopfaugen geschaut habe, nun mal nicht widerstehen. Und ich hätte es nicht ertragen, wenn die 3 wieder ins Tierheim und von dort wieder vermittelt werden müssen. Das wäre mir irgendwie wie ein Abschieben vorgekommen, während ein Teil ihrer Familie (Mama, Thelma, Louise, Aisha und Fatima) bei mir ein Zuhause gefunden haben. Der Familiennachzug der 3 gestaltete sich auch trotz der Trennungszeit unglaublich einfach. Man war sich sofort einig und die acht bilden auch jetzt noch ein Rudel im Rudel. Zeitgleich zog noch ein Einzeltier, die liebe Baumel, bei uns ein. Die Vergesellschaftung von Baumel mit egal wem gestaltete sich höllisch schwierig, entweder mochte sie die vorgestellten Tiere überhaupt nicht, oder aber sie interessierte sich, aber ihr Interesse stiess auf keine Gegenliebe.

Von einer Freundin, der nacheinander in 4 Wochen 4 Tiere gestorben waren und bei der nun noch der Kastrat Tristan schwer erkrankt war, übernahm ich im Sommer ebenfalls die verbliebenen 3 Tiere. Leider ist Tristan am naechsten Tag gestorben. Isis und Osiris aber verstanden sich schnell mit Baumel und im Tierheim sass zur Komplettierung der nun wieder den Flur bevölkernden Truppe die kleine Aygül, die sich zu Isis, Osiris und Baumel gesellte. Die Flurbewohner hatten eine geräumige Voliere für den Tages-Aufenthalt. Die Voliere wurde immer zum Auslaufen – täglich mindestens 5 Stunden – in den Flur gerollt und manch eine Nacht blieb die Voliere offen im Flur, um den Insassen einen freienAuslauf anzubieten.

Alle Versuche, die Flurbewohner mit meinen Zimmerbewohnern zu vergesellschaften begannen und verliefen und endeten mit Clydes sofortigem Entern der Voliere. Sie hatte sich fest in den Kopf gesetzt, in der Voliere zu wohnen und rannte bei jeder sich bietenden Gelegenheit schnurstracks in die Voliere um sich darin häuslich niedezulassen. Anfangs war das natürlich überhaupt nicht erwünscht, da sich die Tiere ja auf neutralem Gebiet (so neutral wie das in einer Wohnung voller Ratten möglich ist) treffen sollten, aber mit der Zeit wurde Clydes Leidenschaft für die Voliere so sehr zur Gewohnheit, dass ich sie gewähren liess, zumal sie sich mit den rechtmässigen Bewohnern gut genug verstand, als dass ich diese Truppe auch unbeobachtet lassen konnte. Clyde war zufrieden, sowie sie das Zimmer verlassen und ihre Voliere bevölkern konnte und ich richtete mein Augenmerk auf die anderen Vergesellschaftungsteilnehmer.

Aus Rücksichtnahme auf Clydes Wünsche habe ich schliesslich, als die Integration abgeschlossen war, die Voliere mit Isis, Osiris, Aygül, Baumel und Clyde ins Zimmer geschoben, anstatt sie wie ursprünglich geplant wieder leer in den Keller zu bringen. Isis, Osiris und Aygül sind dann aus der Voliere augezogen, aber Clyde blieb auch nach dem Tod von Baumel der Voliere treu und wohnte darin bis vor wenigen Tagen. Ausgezogen ist sie vor ein paar Tagen aus einem Grund, der mich sehr gerührt hat: Clyde hatte einen bösen, dicken, stinkenden Abszess an der Schulter, den ich zunächst nicht bemerkt hatte, sondern erst, als er sich geöffnet hatte und stinkender Eiter herauskam. Ich musste die entzündete Wunde mit einem Euter-Injektor behandeln, mindestens 2 mal täglich. In diesem Injektor ist eine Wasserstoffperoxid-Lösung mit Antibiotikum. Man steckt die Spitze des Injektors durch einen Zugang in den Abszess und drückt etwas von der Lösung hinen – um den Abszess zu spülen. Das findet Clyde natürlich mega-uncool. Zur esrten Behandlung traf ich sie wie gewohnt in der Voliere an. Am Abend aber suchte ich vergebens in der Voliere. Clyde war in ein Häuschen unter der Voliere gezogen. Auch dort erwischte ich sie und behandelte den Abszess. Am nächsten Morgen war sie in einen der Dome gezogen, wo ich sie aber auch nur dieses Mal antraf. An allen Folgeterminen suchte ich Clyde erneut und finde sie stets in einem anderen Häuschen irgendwo im Zimmer oder in einem der Dome. Ich bin gespannt, wann sie wieder in die Voliere zieht...

Kurz nachdem die Integration von Isis, Osiris, Baumel und Aygül mit dem grossen Rudel erfolgreich abgeschlossen war, übernahm ich von einer Bekannten, die wegen einer heftigen Erkrankung ihre Tiere schnell abgeben musste, einen „bissigen Kastraten“ (Berti) und „zwei unfreundliche Damen“ (Nisha und Estelle), die nach einer langen Reise hier in erster Linie ziemlich verschüchtert ankamen. Die 3 waren so perplex, dass eine Zusammenführung der 3 ohne viel Federlesens möglich war. Berti stellte sich als mir gegenüber überhaupt nicht bissig heraus. Dass er mich dennoch ein paar Mal sehr böse erwischte, steht auf einem anderen Blatt. Das galt Osiris und nicht mir, also bleibe ich bei meinem Urteil: Der „bissige Kastrat“ war gar nicht bissig. Und die „unfreundlichen Damen“ waren alles andere als unfreundlich. Sie waren nur extrem schissig. Dummerweise bekam Estelle einen Fuss unter die Absperrung zum Zimmer und von innen biss jemand im Eifer des Gefechts zu, s.d. Estelle einen Zeh verlor. Das hatte eine für Estelle sehr unangenehme Behandlung zur Folge. Leider entzündete sich der Zehstumpf und Estelle musste mit Antibiotika behandelt werden. Das kann sich bei einem sehr handscheuen Tier als recht schwierig erweisen. Estelle wollte ihre Medizin nicht freiwillig mit Paste vermengt von einem Löffel schlabbern und musste deswegen die ihr überhaupt nicht schmackhaft zu machende Medizin mit einer Spritze in den Mund gegeben bekommen. Und das auch noch zweimal täglich. In dieser Zeit mussten wir beide sehr grosse Geduld miteinander haben. Unter Schreien (Estelle), Anwendung von Zwang (wir beide) und Fluchen (ich) und nach Amputation des Restzehs gelang es uns aber schliesslich, der Entzündung Herr zu werden. Unsere Notgemeinschaft wurde langsam zur Freundschaft.

Nun war also der soeben geleerte Flur also doch wieder bevölkert. Die 3 mit den Zimmerbewohnern zusammenzuführen, erwies sich als ganz, ganz, ganz harte Nuss. Die beiden Herren Osiris und Berti mochten einander so wenig riechen, dass sie jeweils mich als Geruchsträger des jeweilig anderen Feinds attackierten. Osiris biss mich einmal in die Hand, s.d. ich ihn am Gebiss hochheben konnte. Berti erwischte zum Ausgleich meine andere Hand und einmal als mir Osiris den Fuss markiert hatte, erwischte Berti die Vene meines grossen Onkels derart, dass ich den Teppich im Flur mit einer riesigen roten Pfütze getränkt hatte. Es gab kein wirkliches Vorankommen. Zu allem Überfluss interessierten sich Estelle und Nisha überhaupt nicht für die Zimmerbewohner und wegen der Rivalität der beiden Herren war an ein Zusammensetzen zunächst nicht zu denken.

Leider starb Berti überraschend, aber Estelle und Nisha waren auch weiterhin so desinteressiert an den Zimmerbewohnern, dass eine Zusammenführung wegen Nichtteilnahme der einen Mannschaft nicht wirklich möglich war.

Nisha und Estelle haben mittlerweile weitere Verstärkung durch die Bielefelder Tierheimratten Inaya, Nasya (die uns leider schon wieder verlassen hat), Liska und Lara bekommen, sowie durch die Westersteder Luna, Lilly und Paulina. Karla aus Hude und Maya aus Bremen stiessen als Einzeltiere zu der Flurbewohner-Truppe dazu. Karla wurde bei einem Umzug in der Wohnung vergessen und von lieben Bekannten aufgenommen. Sie bekam Gesellschaft von zwei Tieren aus Bremen, die Karla aber mittlerweile auch überlebt hat. Da ihre Körnerspender nicht noch wieder Ratten als Gesellschaft aufnehmen wollten, ist Karla kurzerhand nach Oldenburg zu mir gezogen.

Mit Geduld, Zeit, Geduld, Zeit, Zeit und Geduld ist inzwischen die Zusammenführung auch mit den Zimmerbewohnern gelungen und während ich diese Zeilen schreibe muss ich mich der versammelten Streitmacht erwehren, die im Minutentakt versucht, über die Tastatur meines Notebooks zu laufen.

Inzwischen ist es tatsächlich gelungen die ganze Fluri-Bande ins Zimmer zu bekommen. Zunächst hatten sie da einen abgesperrten Bereich in der Dome Wand. Dann ging alles furchtbar schnell. Man traf sich, lernte einander kennen, akzeptierte sich gegenseitig und nach ein paar harten Tagen, die ich wie ein Luchs über meine Schützlinge wachte, zogen die meisten der Fluris in irgendwelche Unterkünfte im Zimmer – bloss raus aus dem Dom. So leben sie nun bunt durcheinander – leider hat meine geliebte Baileys diesen Zustand nicht lange geniessen können sondern verliess uns viel zu früh. Auch Quiek ist inzwischen gegangen – ich musste sie einschläfern lassen, weil der inzwischen riesengross gewordene Tumor jeden Tag zu reissen drohte.

 

Clyde ist inzwischen alt. Alt und klapprig. Schon lange ist sie aus ihrer geliebten Voliere ausgezogen. Immer wieder gab es Ärger mit den jüngeren Tieren, die Clydes Korb beanspruchten und die ihr Paroli boten. Clyde hat sich und ihre Ansprüche lange verteidigt, aber was zuviel wurde, wurde zuviel. Ihre Beine trugen sie nicht mehr so zuverlässig und sie konnte nicht mehr wie gewohnt die Etagen hoch und runter klettern. Dazu kam, dass sie wegen einer Beisserei mit Liska einen Abszess auf der Schulter bekam, den ich täglich behandeln musste. Clyde war jeden Tag woanders – immer in der Hoffnung, ich könnte sie in ihrem neuen Versteck nicht ausfindig machen. Dennoch habe ich sie jeden Tag irgendwo anders aufgestöbert und ihren Abszess gespült. Es war ihr merklich unangenehm, aber was muss das muss. Clyde ist inzwischen in einen der Dome gezogen, wo sie noch mit Mühe und Not die Treppen steigen kann. Auch das Essen fällt ihr nicht mehr leicht. Jeden Tag stell ich speziell für sie Schalen mit Babybrei (den guten 6 Korn Brei mit Sojamilch angerührt und Vitamin B1, B2, B6 und B12 hinzugefügt). Ich stelle immer 7 Schalen auf. Eine für Clyde und 6 damit die anderen Schurken, Ganoven und Räuber Clyde nicht alles wegfressen können. Clyde wartet morgens und abends bereits auf ihren Brei, auf Paste – die sie mittlerweile aber auch eher in der Gegend verschmiert, statt sie wirklich weglecken zu können. Ein Höhepunkt unseres Tages ist, wenn ich ihr ein Stück Walnusskern festhalte, damit sie daran herumknabbern kann. Selber halten kann sie es nicht mehr, dann fällt sie um. Auch das Putzen klappt nicht mehr, sie sieht ziemlich verwegen und im Grunde genommen recht erbärmlich aus. Ihr sind schon vor langer Zeit die Haare an den Flanken weitgehend ausgefallen, ihre Hände sind stets breiverschmiert und ihr Fell im Gesicht ist meist auch nur notdürftig gereinigt. Ich war Zivi und bin es jetzt auf eine Weise wieder. Jetzt bin ich der Oma-Clyde Zivi.

 

Clydes Schwester Bonnie hat inzwischen trotz erfolgreicher Operation an eben der operierten Stelle einen riesigen Tumor entwickelt. Noch bereitet der ihr keine heftigen Probleme, aber ich weiss, dass Bonnies und Clydes Tage in dieser Welt inzwischen im höchstens zweistelligen Bereich gezählt sind.....

 

Meine Süssen! Ich liebe Euch alle von ganzem Herzen!



 

Nachtrag: Bonnie und Clyde wurden am 09.05.2012 eingeschläfert. Clyde konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, war fast nicht mehr in der Lage zu essen, sondern schmierte ihren Brei nur noch durch die Gegend und in ihr Fell. Bonnies Tumor hatte Ausmasse erreicht, die selbst meine erfahrene Tierärztin tief Luft holen liess. Ich danke Bonnie und Clyde von ganzem Herzen für die unendlich schöne Zeit, die sie mit mir verbracht haben.