Letzte Aktualisierung: 03.08.2012

 

 

Ratte-Mensch-Beziehung

 

Wenn man mit Farbratten zu tun hat, ist die Erwartungshaltung in aller Regel, dass die Tiere zutraulich sind und der normale Rattenhalter ist schon ziemlich enttäuscht, wenn die Tiere sich dem Kuscheln entziehen, oder eigentlich gar kein besonderes Interesse am Menschen zeigen. Eigentlich gibt es bei Farbratten die Verhaltenstypen 'total kuschelig', 'kuschelig', 'desinteressiert', 'abweisend', 'scheu'.
Farbratten, die menschliche Nähe kennen, haben in aller Regel auch eine Beziehung zu ihren Menschen. Ratte weiss, wo es die Leckerchen gibt, Ratte versteht, welche Register sie ziehen muss, um ihre Menschen zu gewissen Verhaltensweisen zu bringen. Die Beziehung zwischen Ratte und Mensch ist im allerbesten Fall eine Beziehung des gegenseitigen Beibringens und Lehrens und natürlich auch des gegenseitigen Lernens. Was im schlechtesten Fall eine Dressur des Tieres ist, ist im besten Fall eine gegenseitige Dressur. Der geneigte Rattenfreund ist gerne bereit, sich an die deutlich fromulierten Bedürfnisse des Tiers anzupassen - es gibt Ratten die schon fast aufdringlich die menschliche Nähe suchen, gekrault werden wollen und auch selber gerne in den menschlichen Haaren knibbeln, die Finger lecken oder nur einfach einen warmen Platz zum Dösen am menschlichen Körper suchen. Und dann gibt es Ratten, die einfach so wenig mit dem Menschen zu tun haben wollen, wie es nur möglich ist, wenn man in einem gemeinsamen Habitat lebt.

 

 

Tierlicher Individualismus und das Gesellschaftsbild von Ratten

 

Was ich mir selber eigentlich fast nicht vorstellen konnte: Ratten sind solche Individualisten, dass das Verhalten zweier Ratten immer auch verschiedenes Verhalten ist. Und diese Erkenntnis passt eigentlich am wenigsten zu der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Ratten. Dass man ein Tier 'zähmen' kann, ok, das wird akzeptiert. Das Ratten gar nicht so eklig sind, wie die landläufige Meinung suggeriert; nun, auch das sind aufgeschlossene Mitmenschen bereit, zu akzeptieren. Aber dass ein kleiner Schadnager ein ausgemachtes Individuum ist, dass jede Ratte anders ist, dass jede Ratte ihre ganz eigenen Ansichten über die Welt und die Menschen hat: das passt nicht zu der gesellschaftlichen Wahrnehmung einer wilden Meute von Schädlingen, die man immer nur als Masse denkt - bei der gar kein Platz für die Wahrnehmung individueller Unterschiede vorgesehen ist.
So denkt sich der Mensch das Tier nicht. Hunden, Katzen, Pferden wird eine solche Individualität zugestanden - Schweinen, Kühen, Schafen nicht, weil man sonst deren Ausbeutung überhaupt nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könnte. Und Ratten nicht, weil man im Allgemeinen nicht bereit ist, sich überhaupt mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen.
Aber Ratten sind nicht nur Individualisten, Ratten sind auch schlau. Und Ratten sind hochsoziale Tiere, die in ihrem Umgang miteinander zu beobachten, einfach einen unendlichen Spass macht. An den Menschen gewöhnte Ratten beziehen diesen bis zu einem gewissen Grad in ihr soziales Leben mit ein, wie weit das geht, hängt von den tierlichen genauso wie von den menschlichen Individuen ab. So kann auch das Zusammenleben mit scheuen Ratten sehr viel Freude schenken, wenn man denn ein wenig in der sozialen Interaktion mitmachen darf. Und wenn die Tierchen es nicht wollen, muss man sich eben auf das Zuschauen beschränken. Wenn aber Stück um Stück das Eis bricht, dann ist es eben um so schöner, wenn man das neugierige Interesse eines Tiers verspürt, mit dem Menschen in Kontakt zu treten.
Bei den Ratten, die ich das Glück hatte, kennenlernen zu dürfen, war bisher wirklich alles vertreten, von der durch und durch selbstbewussten Dame, der wie selbstverständlich alles aber auch alles um uns herum zu gehören scheint, über die Kampfschmuserin, die am liebsten einen ruhigen Platz in der Armbeuge sucht und wartet, gekrault zu werden, zu Damen, die man zwar berühren darf, denen es aber stets lieber ist, selbst zu kommen und zu gehen, wie es ihnen beliebt. Dann wieder gibt es Tiere, die in ihrer Neugier einen steten Tanz durch alle Verstecke um einen herum absolvieren - immer in der Nähe, aber möglichst unsichtbar und geschützt. Dann gibt es auch Tiere um mich herum, die ich nur alle paar Tage vorbeihuschen sehe.
Miteinander gehen die Tiere ganz anders um. Das Verhalten mir gegenüber sagt überhaupt nichts über deren Sozialleben aus.

 

 

Tierhaltung und Tierrechte

 

Ich hoffe, aus dem eben gesagten kann man schon ein wenig meine Einstellung zur Frage "Tierbesitz" erkennen: So, wie ich mit meinen Ratten zusammenlebe, bedeutet das 'meine' in "meine Ratten" so etwas wie das 'meine' in "meine Freunde", nicht wie das 'meine' in "meine Möbel". Ich betrachte sie nicht als Dinge und ich betrachte sie nicht als mein Eigentum. Das ist eine sehr schwierige Diskussion, denn im Fall einer schweren Krankheit entscheide ich sehr wohl über ihr Leben oder Tod. Auch wenn ich die Tiere operieren lasse, benehme ich mich sehr wohl als ihr Vormund. Keine Ahnung, wie sie entscheiden würden, wenn man sie liesse. Das m.E. Wahrscheinlichste ist, dass diese Frage schlicht irreal ist - da sie völlig quer zu allen Denk- und Wahrnehmungskriterien der Tiere liegen. Weder erschliesst sich ihnen der Nutzen einer an sich unangenehmen Behandlung, sei es dass sie dafür festgehalten werden, sei es dass sie eine Spritze erdulden oder nur einfach unapettitliche Medizin untergejubelt bekommen. Ich fühle mich zwar in allererster Linie dem Wohl der Tiere verpflichtet, aber muss ihnen bisweilen "in ihrem eigenen Interesse" Gewalt antun. Es ist sehr schwierig, einen konsistenten Standpunkt zu formulieren, der zwischen der Tierliebe und dem Wunsch, Tiere zu halten und der Anerkenntnis von Tierrechten abwägen muss. Sehr lesenswert finde ich diesbezüglich die Äusserungen von Gary L. Francione: “Pets”: The Inherent Problems of Domestication

Man muss sich schon darüber klar sein, dass die Haustiere-Haltung ein Verstoss gegen ihre Rechte auf freien Willen bedeutet. Auf der anderen Seite sind Haustiere, wie wir sie heutzutage vielfach halten eben keine Wildtiere. Sie wurden durch z.T. jahrhunderte- oder gar jahrtausendelange Domestikation erzeugt. Heutige Haustiere, zu denen zweifelsohne Farbratten zählen sind also weder in der "Tierwelt" noch in der "Menschenwelt" wirklich zugehörig. Sie sind sowenig "Natur" wie wir Menschen und sie sind sowenig "Mensch" wie andere nichtmenschliche Tiere.