Letzte Aktualisierung: 05.05.2012

 

 

 

 

 

 

Human-Animal-Studies: Soziales Lesen oder "Das Buchproblem"

Welcher Tierhalter kennt das nicht? Man setzt sich mit einem guten Buch oder mit einer Zeitung zu den Tieren, bzw. man setzt sich einfach nur irgendwohin, wo die Tiere auch hin können und versucht zu lesen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kommen bald mindestens einige - wenn nicht gar alle - Tiere an und beginnen, sich massiv mit dem Buch oder der Zeitung zu beschäftigen. Meine Ratten schnuppern zunächst an dem Buch, Buchrücken, Seitenkanten... Dann wird vorsichtig hineingebissen. In die Seitenkanten, in die Ecken.... Wenn ich einen Stift dabeihabe, um Anstreichungen zu machen, dann wird der Stift ebenfalls auf Gründlichste untersucht. Vorne dran herumknabbern, hinten lecken, schnüffeln. Über das aufgeschlagene Buch muss man natürlich auch hinweglaufen, besser gesagt: zumindest hineinlaufen muss man. Da wo der Mensch eben so konzentriert hingeschaut hat, muss doch irgendetwas sein. Also wird in dem Buch geschnüffelt, geleckt, geknabbert. Da die anderen das auch versuchen und dabei natürlich jede ein paar Tröpfchen zur Markierung in dem Buch verliert, wird das Buch immer noch interessanter. Da, wo jemand anderes hingepinkelt hat, müssen natürlich noch schnell ein paar eigene Tröpfchen hin und in null-komma-nix beginnt sich das Papier zu wellen. Mit der Zeit und nachdem wirklich alle das Buch inspiziert haben, wird es langsam uniteressanter. Nun setzt man sich mitten in das aufgeschlagene Buch und beginnt sich dort ersteinmal gründlich zu putzen. Wenn ich diese Fellpflege in meinem Buch durch zartes Anstupsen beende, kommt garantiert noch jemand auf die Idee. Langsam aber sicher wird das Buch uninteressant und man kann sich langsam wieder anderen Dingen zuwenden. Es ist aber garantiert, dass das Interesse genauso wieder da ist, wenn ich kurz rausgehe, wiederkomme und die Lektüre erneut beginne. Je nachdem ich das Buch aufgeschlagen in meinem Schoss liegen habe, oder ob ich mich hinlege und das Buch aufgeschlagen auf meinem Bauch abstuetze, immer erscheint eine ganze Horde Ratten zwischen meinem Gesicht und dem Buch, man streckt sich um die obere Buchkante zu erreichen oder man versucht es von der anderen Seite ebenfalls zu erkunden.
Interessanterweise hängt das Interesse an dem Buch sehr wohl mit meinem Interesse an dem Buch zusammen. Lege ich ein Buch einfach nur so in den Zuständigkeitsbereich meiner Tiere, dann wird es kurz erkundet und das war es dann meist auch. Erst wenn ich meine Aufmerksamkeit stark auf das Buch foussiere, dann zeigt sich auch die Bande unglaublich interessiert an dem Buch.
Eine ähnliche Beobachtung kann ich immer wieder anstellen - auch beim Reinigen der Unterkünfte. Häufig rennt eine ganze Gruppe von Tieren immer genau da herum, wo ich gerade am Putzen  bin. Der Besen, der Lappen, die neue Zeitung, alles das wird dann besonders interessant, wenn ich mich damit aufmerksam beschäftige...
Das funktioniert bisweilen auch ganz gezielt: Wenn ich möchte, dass sich meine Ratten mal etwas genauer anschauen - z.B. wenn ich ihnen irgendwo etwas Leckeres versteckt habe - dann brauch ich mich nur besonders gezielt in der näheren Umgebung das Verstecks mit irgendetwas konzentriert zu beschäftigen. Ich habe aber noch nicht herausgefunden, was ich andererseits tun muss, wenn ich in ihrer Gegenwart ungestört ein Buch lesen möchte oder, viel komplizierter, wenn ich ohne ihre Mitwirkung etwas auf meinem Notebook tippen möchte. Ich habe schon erlebt, dass mir gezielt Tasten geklaut wurden. Was die Damen damit wollten ist mir völlig schleierhaft. Ihnen wahrscheinlich auch, aber wenn ich mich dafür so sehr interessiere, dass ich da dauernd draufdrücke, dann muss man damit ja irgendetwas tolles anfangen können. Nicht unbedingt harmloser ist der Spaziergang auf der Tastatur, der mir auch schon manch einen Text zerstückelt hat. Aber ein Notebook auf dem Schoss ist ein Abenteuer. Das ist etwas, wo die ganze Bande zumindest eben draufgepinkelt, dran geschnüeffelt, geknabbert und sich darauf geputzt haben muss.