Letzte Aktualisierung: 25.09.2012

 

 

 

 

Ich habe für den Rattgeber des VdRD einen Artikel über Kastration von Rattenböcken geschrieben, wobei mir vor Allem ein Dorn im Auge ist, dass in einigen Tierheimen grundsätzlich alle Böcke kastriert werden.

Mein Artikel war bewusst kontrovers gemeint - ich finde es wichtig, dass über diese Themen diskutiert wird. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Katja vom Tierhausi den Handschuh aufgenommen hat und einen sehr konstruktiven Beitrag ebenfalls im Rattgeber veröffentlicht hat. Beide Artikel habe ich hier gegeneinander gestellt.



 

 

 

 

 

Mein Artikel aus dem Rattgeber 92

 

 

Kastration bei Ratten

 

Kastrationen werden bei Rattenböckchen im Normalfall aus einem der folgenden 3 Gründe vorgenommen:

  1. Der Bock ist eine solche Hormonschleuder, dass seine Haltung und Handhabung massiv durch seinen „Hormonhaushalt“ erschwert ist, er übermässig aggressiv auf andere Ratten (-böcke) reagiert, andere Ratten anfällt oder zu aggressivem Gebaren gegenüber dem Halter neigt.

  2. Aus medizinischen Gründen, d.h. Hodentumor oder dergleichen.

  3. Aus Haltungsgründen. Das Tier soll entweder (siehe Punkt 1) kuscheliger gemacht werden, als es ist, oder der Halter hat sich in den Kopf gesetzt, dass es tiergerecht sein soll, ein Weibchen-Rudel mit ein paar verschnittenen Kerls zusammen zu halten.

Während es sicher Fälle gibt, in denen eine Handhabung des Bocks ohne Kastration erheblich erschwert bis fast unmöglich ist und bestimmt auch immer wieder Fälle einer medizinisch indizierten Kastration vorkommen, ist es der dritte Punkt in der obigen Liste, über den ich gerne kontrovers diskutieren möchte. Man kann sicher trefflich darüber streiten, wann ein Kastration wegen aggressiven Verhaltens angezeigt ist. Die Meinungen gehen da weit auseinander. Es gibt Vertreter der abstrusen Ansicht, dass unkastrierte Böcke, die ihren Geschlechtstrieb nicht ausleben können, grundsätzlich unter ihren Hormonen leiden (doch, so einen Blödsinn habe ich tatsächlich schon gehört). Ab welchem Level von Unhandhabbarkeit ein Bock kastriert werden muss – und ob das überhaupt eine Garantie für eine bessere Handhabbarkeit darstellt, wird manch einer verschieden beurteilen. Was auch immer die genauen Gründe für eine Kastration sein mögen, sie ist nicht notwendig, um die Vermehrung von Ratten zu vermeiden.

 

§ 6 

(1) Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn

1.
der Eingriff im Einzelfall
a)
nach tierärztlicher Indikation geboten ist oder
(...)
5.
zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder - soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen - zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung vorgenommen wird.

(aus dem deutschen Tierschutzgesetz, Stand 15.7.2009)

 

Anders als bei Katzen oder Hunden treffen Heimtier-Ratten verschiedenen Geschlechts i.d.R. nicht zufällig und ohne Zutun des Menschen aufeinander. Die wirksamste Vermehrungsverhütung ist die Getrennthaltung. Wo keine zwei Geschlechter aufeinander treffen können, kann auch nichts passieren. Farbratten sind nicht wie Katzen Freigänger und nicht wie Hunde auf einen regelmässigen Auslauf im Freien angewiesen. Farbratten werden durchaus tiergerecht in der Wohnung gehalten, in aller Regel in einem Käfig und optimalerweise mit viel überwachtem Auslauf innerhalb der Wohnung. Wenn in der Wohnung also nur ein Rattengeschlecht gehalten wird, ist Vermehrung ausgeschlossen – es sei denn durch Jungfrauenzeugung (Patenogenese), die aber bei Säugetieren nicht vorkommt, ausser bei Maria.

 

Einige Menschen halten es aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen für erstrebenswert, Weibchenrudel mit Kastraten zusammen zu halten. Es wird teilweise sogar soweit gegangen, dies als 'tiergerecht' oder gar 'artgerecht' zu bezeichnen. Dazu ist folgendes festzustellen: Wenn ein Böckchen zu früh – d.h. vor Abschluss seiner körperlichen Entwicklung, also vor Abschluss der Pubertät – kastriert wird, dann bleibt er auf gewisse Weise ein unnatürliches Wesen. Nämlich ein nie erwachsendes Kind. Sowas kommt in der Natur nicht vor, daher kann es auch nicht tier- oder gar artgerecht sein, solche Tiere zu erzeugen und zu halten. Solche Kastraten wissen in der Regel gar nicht, was sie mit den Weibchen anfangen sollen (sexuell gesehen). Werden Böckchen hingegen nach ihrer Pubertät kastriert, so ist es ja genau gerade das Ziel der Kastration, sexuelles Verhalten zu unterdrücken. Es kann also erst recht nicht tier- oder artgerecht sein, weder für den betroffenen Bock, noch für die Weibchen im Rudel.

 

Was im Zusammenhang mit Kastrationen gerne von den Befürwortern vergessen wird: Eine Kastration ist bei Ratten ein nicht unerheblicher chirurgischer Eingriff. Es besteht, wie bei allen Operationen, die Gefahr, dass der Bock die Operation nicht überlebt. Wie hoch das Risiko, bei einer Operation zu sterben, ist, hängt von dem behandelnden Tierarzt und seiner Erfahrung ab. Darüberhinaus besteht bei Operationen egal welcher Art immer die Gefahr, dass sich die Wunde entzündet, dass die Naht nicht verheilt, weil sie von dem Tier benagt wird, oder dass sich in der Wunde Abszesse bilden. Gerade bei Kastrationen scheint es relativ leicht zu Wundentzuendungen zu kommen, da die Wunde ja an der schmuddligeren Seite des Tiers liegt.

Was ist also davon zu halten, wenn Tierheime (mir ist das bei mindestens zwei inmeinem regionalen Umfeld zu Ohren gekommen) Böcke grundsätzlich nur nach Kastration vermitteln?

Nun zum Einen werden in diesen Tierheimen junge Böcke viel zu jung kastriert. Körperlich unentwickelte Tiere zu kastrieren kann dazu führen, dass die Tiere sich weder vernünftig in ein Böckerudel (hierfür hätte man auch die Riskiken der Kastration vermeiden können), noch in ein Weiberrudel (wo sie gar nicht begreifen, was die Mädels von ihnen erwarten) einfügen.

Da - wie gesagt - immer ein Risko bei chirurgischen Eingriffen besteht, überleben einige Tiere die Kastration nicht, oder sitzen mit Behandlungsfolgeproblemen im Tierheim. Die oft sowieso schon überforderten Pfleger haben dann auch noch einen Abszess zu versorgen.

Und wofür das Ganze? Ja nun, die Tierheime wollen sicherstellen, dass mit den vermittelten Böckchen keine Vermehrung getrieben werden kann. Was dabei gerne übersehen wird ist, dass der Vermittlungsvertrag Vermehrung in aller Regel ausschliesst und dass sich jeder, der es darauf anlegt im nächstbesten Zooladen oder Baumarkt für weniger Geld als die tierheim-übliche Vermittlungsgebühr ein Böckchen kaufen kann und damit völlig unverantwortlich und nach Herzenslust Vermehrung betreiben kann.

 

Es ist also meiner Meinung nach nicht nur überflüssig und für die Tiere eher gefährlich, wenn Tierheime grundsätzlich Rattenböckchen kastrieren, sondern es ist bei Licht betrachtet auch noch eine Verschwendung knapper Resourcen, wenn Tierheim-Tierärzte dafür bezahlt werden, überflüssige Eingriffe vorzunehmen.

Wenn ich mir dann noch vor Augen halte, dass es dieselben Tierheime sind, die so unnötige Eingriffe vonehmen lassen, die andererseits Tumore bei Ratten ebenfalls aus Prinzip (und natürlich aus Kostengründen) nicht entfernen lassen, dann sträubt sich wahrlich mein Fell.

Die Praxis einiger Tierheime gehört dringend überdacht. Ich wünsche mir durchaus eine kontroverse Diskussion um Böckchenkastration. Und ich würde mich sehr freuen, wenn sich vielleicht die eine oder andere Tierheimleitung Gedanken über die Sinnhaftigkeit von Böckchenkastrationen machen würde.

 

 

 

 

 



 

 

 

Artikel aus dem Rattgeber 94 von Katja Lagansky

 

Thema Kastrationen von Ratten -

etwas über Aufklärungsarbeit, kleine Denkanstösse und grosse Vorurteile.

 

Hmmm... da les' ich doch im letzten RG was von „...integrieren (nach Kastration und sechs (Anm. Rudi: !!!) Wochen Wartezeit versteht sich).“ von Brigitte Straub, Wertingen, und nachfolgend noch einen grossartig geschriebenen Beitrag zum Thema selbst vom lieben Hartmut aus Oldenburg...
...und flugs geht mir der Stift in der Tasche auf!
Tja, und wenn wir dadurch ein paar potentielle Schreiberlinge für den RG noch aus dem Winterschlaf wecken können, hüpf ich jetzt mal voller Schwung mit allen Vieren zugleich in die bereitstehenden Fettnäpfe. Mach ich gern – schliddert schön und schmiert auch noch nachträglich, damit's gut läuft!


Aaalsooo... vorweg schick ich die Info, dass bei uns aus nachfolgenden und von mir als gut eingestuften Gründen seit vielen Jahren (ab dato, wo wir einen guten TA hatten) standardmässig  kastriert wird im Tierhausi, Ausnahmen gibt es für Tiere (Farbratten, Farbmäuse – bei anderen Tierarten wird es ggf. anders gehandhabt) aus Alters- und  Gesundheitsgründen und bei Jungtieren, die als stabile Gruppe separat oder in ein Rudel vor Beendigung der 12. Lebenswoche vermittelt werden können (incl. Beratung und lebenslanger Betreuung, wie bei allen unseren Vermittlungstieren).
Die Kastrationsquarantäne, d.h. die Zeit, in der noch ein „goldener Schuss“ abgegeben werden kann und die die Böckchen noch separat gehalten werden müssen, beträgt im übrigen 14 Tage! Alles andere ist grober Unfug und im schlimmsten Fall, bei Einzeltieren und dieser kurzlebigen Art, Tierquälerei! (Rückfragen und Steinigungen bitte wie immer gern über u.a. website per Telephon oder persönlich direkt an mich – sonst wird’s hier nur noch länger!)
Apropos Einzeltiere – Böcke, die über einen längeren Zeitraum oder sogar lebenslang allein gehalten worden sind, was öfter vorkommt, als man hofft, sind potent i.A. grundsätzlich nicht mehr integrierbar, eine Kastration ist hier unumgänglich, nachfolgend sind die Tiere auch meist nur noch mit Weibchen vergesellschaftbar.
Euch zuliebe hat der Rudi mal nachgezählt – bisher haben wir im Zeitraum unserer Vermittlungstätigkeit insgesamt 1137 Tiere – ausschliesslich Rattenböcke sind hier genannt – bei uns kastrieren lassen.


In Hartmuts Beitrag sind mehrere Punkte als Gründe für eine Kastration angegeben – zum einen ob überschiessender hormoneller Reaktionen und nachfolgend Aggressionen auf Mensch und Partnertiere, und zum anderen medizinisch notwendige Indikationen wie Tumoren.
Soweit kann ich mich dahingehend anschliessen, aber mir fallen auf Anhieb auch noch einige weitere Gründe ein... fangen wir mal an!
Sind wir doch mal ehrlich – im allgemeinen Vermittlungsalltag haben es potente, adulte Böcke schwer! Die armen Schatzlinge – wer will sie denn? Keiner! Selbst nicht, wenn sie eine harmonische Truppe bilden und knullerig zu Menschen sind (was so unglaublich häufig vorkommt...), die vll. nicht aus schlechter Haltung stammen, sondern meinethalben aus Allergiegründen abgegeben werden müssen (das kommt noch viel häufiger vor, natürlich...).
Da gibt’s doch gerade wieder einen aktuellen Fall bei uns... wie war das nochmal? Frau N. aus Berlin hat einen 5er Trupp (naja, nun nicht eben so knullerig, aber einigermassen untereinander) übernommen, und sich auch, und nun müssen sie wech – aber nur nicht ins Tierheim, neee, bloss nicht – nur in gute Hände, und zusammen bleiben sollen sie auch, und privat vermittelt werden! Achso ja, und die Volli gibt’s für Geld auch dazu...
Na, ist doch 'ne schöne Sache! Können wir uns gleich freuen, die Liste ist doch noch nicht voll genug! Haben wir was zum posten für die nächsten Monate – und als Senioren haben sie, wenn's dann auch schon ein paar weniger sind, doch noch viel bessere Vermittlungschancen – die kleenen Säcke!!!
Oder?
Die meisten Halter pflegen in heimischen Wohnumfeldern immer noch vorrangig Weibchen, Halter potenter Böcke sind recht selten, und wenn, dann pflegen sie stabile separate Rudel von Welpenbeinchen an bis zum Tode. Noch viel seltener sind Halter potenter Bock – Integrationsrudel, sprich, wo auch vorn was reinkommt, wenn hinten was rausstirbt. Mischformen und Ausnahmen eingerechnet, haben wir ein Verhältnis von in der Heimtierhaltung gepflegten W: M von ca. 70% : 30%, und das ist schon nett gerechnet. Einbeziehen muss man nämlich hier den vor ca. fünf Jahren eingesetzten Trend in der Farbrattenhaltung, ab dato nahm die Anzahl der gepflegten Böcke insgesamt zu, und die der Weibchen ab. Warum? Vorwiegend wegen der Tumoren (meist Mammatumoren) bei Weibchen.
Das ändert nun aber rein gar nichts an der Tatsache, dass sich in der Vermittlung, egal wohin man schaut, ob nun auf Silvas Listung der Tierheim Langzeitinsassen im RF, bei den Regionalgruppen vom VdRD e.V. oder bei privaten Inserenten, die potenten adulten Böcke am längsten halten. Kastraten können auch zu den überwiegend weiblichen Rudeln integriert werden, und vertragen sich i.d.R. auch mit dort schon vorhandenen kastrierten Böcken. Das ist eine Tatsache, unabhängig vom Halterwunsch. Ebenso ist es eine Tatsache, dass gemischte Rudel, vorzugsweise im Verhältnis W : MK von 2 : 1, i.A. harmonische Rudel sind.
Zum diskussionswürdigen Punkt: nicht jeder unkastrierte Bock „leidet“ unter seinen Hormonen, soweit so richtig – ab welchem hormonellen Level er leidet ist nicht genau feststellbar. Feststellbar ist aber, wie das Tier sich verhält, ob es Aggressionen gegenüber Mensch und Partnertieren zeigt, ob es normales Fress-, Schlaf- (und Entspannungs-) und Sozialverhalten zeigt. Wenn nicht oder nur mit Einschränkungen, halte ich eine Kastration für angeraten. Allerdings ist hier dann auch die gesamte Rudelstruktur zu überdenken, gleiches gilt für die Grösse von Rudeln, wenn Ratten gleichgeschlechtlich gehalten werden sollen, und zwar für beiderlei Geschlecht. Aber auch hier sind Kastraten untereinander verträglicher und die Wahrscheinlichkeit höher, dass, im Grossrudel gepflegt, die Tiere lebenslang gut miteinander auskommen.


Nächster angesprochener Punkt – die Vermehrungskontrolle. Die Vermehrung von Vermittlungstieren vollständig zu unterbinden ist natürlich nur dann möglich, wenn beide Geschlechter kastriert abgegeben werden. Hier richtig, auch zur Vorbeugung von Hormondrüsengewebsentartungen, bspw. bei Hund, Katze, Frettchen und Kaninchen – bei Kleinsäugern ab Meerschweinchengrösse abwärts eher kritisch zu beurteilen sind Kastrationen, Eingriffe in die Bauchhöhle, bei weiblichen Tieren. Auch wenn bei bspw. Ratten dies in der tierärztlichen Ausbildung – nicht in der Praxis, wohlgemerkt – mittlerweile als Routineeingriff beschrieben wird, handelt es sich um einen sehr grossen und risikoreichen Eingriff bei einem so kleinen, kurzlebigen Tier, der m.E.n. ausschliesslich mit medizinischer Indikation, hierzu zähle ich auch Verhaltensprobleme, die ein artangemessenes Leben im Rudel verhindern, zu begründen ist.
Ein ordentlicher Notfallvermittler wird sich natürlich, um Haltungsprobleme und Vermehrung auszuschliessen, immer vorher die Vermittlungsinteressenten anschauen (Vorkontrolle), aber in Tierheimen bspw. ist das nicht immer der Fall, sodass es sinnvoll und richtig ist, wenigstens die Böcke (sofern die Bedingungen gegeben sind, ein qualifizierter TA zur Verfügung steht usw.) kastriert abzugeben. Wenn ich dadurch die Vermehrungschancen einschränken kann, indem ich die Böcke kastrieren lasse, werde ich das tun – denn es gibt auch hier kein entweder – oder, sondern nur eine Minimierung des Risikos für die Tiere, sodass ich verpflichtet bin in guter Tierschutzpraxis, soviel wie mir möglich den Tieren zu helfen.
Die vom Hartmut angesprochene „Parthenogenese“ oder auch liebevoll „Knospung“ genannt ist ein Phänomen, was häufig bei Kleinsäugern nicht nur in Vermehrerkreisen oder im ZFH, sondern auch beim Privathalter auftritt... Wenn auch nicht absichtlich, so denn die immer vielbeschriebenen „Unfälle“ durch nicht ausreichend gesicherte Gehege oder Freiläufe. Die Menschen machen Fehler, lieber Hartmut, und wir in der NFV bekommen dann die Quittung. Natürlich kann ich mich achselzuckend abwenden vom Elend, aber welcher Notfall rekrutiert sich denn ursprünglich NICHT aus einem solchen Fehler? Tatsächlich die wenigsten, und vorbeugen ist besser, als poppend nach hinten fallen. So fix wie es geht, und gerade bei R – Strategen! Dahingehend kann ich vorbeugend tätig werden, indem ich den Leutz sage – lasst Eure Böcke kastrieren, wir helfen Euch auch gern dabei!
Noch eine durch Erfahrung motivierte Überlegung – was ist die Freude eines jeden Halters am Ende seines Rudels, wenn da nur noch eins oder zwei sitzen – unkastrierte oder kastrierte Böcke?


Der Vergleich von früh kastrierten Böcken mit in der Natur frei lebenden Wanderratten ist hier auch ein schöner, eindrucksvoller – v.a. wenn man kurz bedenken mag, was unsere sog. domestizierten Farbratten noch mit Wanderratten gemein haben. Natürlich kommen Kastraten bei Wanderratten eher selten vor, es sei denn, irgendein Depp hat sie nach Fang oder Handaufzucht kastrieren lassen und wieder ausgewildert (haben im Übrigen keine Überlebenschance)... aber im Gegenzug glaube ich auch, dass ein normaler Halter eher selten sich über Wanderratten auf der heimischen Knautsch - Couch freut! Fakt ist, das Heimtier (und nicht nur die Farbratte) ist vom Wildtier soweit entfernt wie der Mensch vom Affen (bis auf wenige Exemplare, aber Ausnahmen bestätigen die Regel), und ob es nicht eigentlich tierschutzrelevant ist, überhaupt Tiere dahingehend zu vermehren, dass sie in heimischen Wohnzimmern erwünscht sind, lässt sich auch prima diskutieren – aber an anderer Stelle.


Hier fehlt noch etwas, das nicht unerwähnt bleiben darf, allerdings werden nur die wenigsten Exemplare unserer verehrten geneigten Leserschaft dahingehend den Zugang finden, es geht hier nämlich um animal hoarding Grossnotfälle (GNF) und deren Management. Vll. ist es aber trotzdem für den einen oder anderen interessant, ich hoffe es jedenfalls. Folgendes:
Grossnotfälle können sich zum Zeitpunkt der Beräumung in verschiedenen Stadien befinden, wobei diese vom Zeitraum des hoardings, von der Versorgungssituation der Tiere, dem zur Verfügung stehenden Raumangebot und dessen Aufteilung sowie von der genetischen Vielfalt (offener oder geschlossener GNF) der betroffenen Tiere abhängen. I.A. lässt sich folgender Sachverhalt formulieren: Je weniger Raumangebot, je schlechter die Versorgung und je mehr Inzucht bei einer Beräumung vorgefunden wird, umso wichtiger ist es, die Böcke schnellstmöglich, abhängig von deren Gesundheitsstatus natürlich, kastrieren zu lassen! Ansonsten werden sie sich, nach Trennung der Geschlechter und bei Besserung ihres Allgemeinbefindens (es genügen Tage), gegenseitig zerhackstücken. Übrig bleibt der Albtraum eines jeden Notfallvermittlers – ein ganzer Sack voll verhaltensauffälliger, schwer oder nicht mehr reintegrierbarer Einzelböcke!


Kastriert wird vorwiegend nicht, um sexuelles Verhalten zu unterdrücken, sondern um den Böcken die Zeugungsfähigkeit zu nehmen, und ich bin bei Farbratten auch grundsätzlich gegen Welpen- oder Frühkastrationen, um nämlich die Tiere weitestgehend NICHT in ihrer Entwicklung zu behindern. Der Eingriff erfolgt im Alter von ca. 12 Wochen, die Tiere sind vollständig geschlechtsreif, das juvenile Stadium definitiv abgeschlossen und damit auch die Pubertät. Erlerntes sexuell und damit auch Dominanz - induziertes Verhalten wie bspw. Aufreiten ist vollständig ausgeprägt, und wird auch von vielen Tieren nach Kastration lebenslang ausgeübt. Gleiches gilt für den Deckakt...die Drüsensekrete fliessen, und alle sind zufrieden.
Werden Tiere allerdings frühkastriert, wie bspw. im Tierheim Berlin gängige Praxis – und hier nochmals: Das Tierhausi spricht sich vehement, auch aus anderen Gründen als den o.a., GEGEN eine Frühkastration bei Farbratten aus – behindert das i.A. die Entwicklung des Tieres und kann später im Rudel zu Problemen führen, hier kann ich Hartmut nur voll zustimmen.


Der Eingriff selbst... birgt natürlich das volle Narkoserisiko (wenn korrekt ausgeführt), aber die Operation ist minimaler veterinärpraktischer Standard, und bei vielen Heimtierarten gleich. Allerdings sollte man auch ausschliesslich bei einem erfahrenen TA kastrieren lassen, der Kleinsäuger häufig kastriert oder dahingehend spezialisiert ist, ansonsten besser nicht. Gleiches gilt aber auch für jede anderweitige und unvermeidbare Operation (Abszesse, Tumoren etc.). M.E.n. haben sich bei Operationen von Kleinnagern Inhalationsnarkosen mittels Isofluran bewährt, Halter (meist im statistisch nicht relevanten Bereich bezüglich Tieranzahl) geben anteilig anderes an.
Es ist auch einfach nicht wahr, dass es „gerade bei Kastrationen relativ leicht zu Wundentzündungen zu kommen scheint“, Mammatumor OP Wunden liegen auch meist unten und bergen erhöhtes Kontaminationsrisiko. Ausserdem ist tatsächlich sogar und gerade bei Kastrationen, wenn korrekt ausgeführt, eine systemische Antibiose bei Farbratten nicht nötig. Wenn doch, liegt es meist an der Kastrationstechnik, am Wundverschluss, an der Umgebungskontamination, am tiereigenen Keimspektrum und Immunstatus oder an der Kontamination durch unsauberes Arbeiten intraoperationem. Bis auf das tiereigene Keimspektrum können die anderen Vektoren ausgeschlossen werden, sofern eine gute tierärztliche Praxis geführt wird.
Sofern es sich dann „nur“ um den üblichen Abszess im Tierheim handelt, der mir hier leider immer noch auch nur allzu gut bekannt ist, aber von den Pflegern eben auch meist NICHT versorgt wird, kann man fast nur von Glück sagen. Es kann auch weitaus Schlimmeres passieren!
Natürlich gilt auch hier der Grundsatz: Wer's net kann, soll's lassen!, aber das ist kein Grund, die Tierheime aus der Pflicht zu nehmen! Wie wäre es denn einmal mit: Wer's net kann, soll's lernen? Oder gilt neuerdings gute tierärztliche Praxis nur für den betuchten Privathalter? Sind Tierheim – Tierärzte von Verpflichtung dem Tier gegenüber ausgeklammert oder anderweitig behindert?
Ich bin eher der Ansicht, dass Torheit nicht vor Strafe schützen sollte, und auch nicht vor Arbeit! Denn bei bspw. Farbmäusen ist es nicht möglich, wie bei Farbratten, gleichgeschlechtliche Gruppen beiderlei Geschlechtes zu pflegen, unkastrierte Böcke zerhackstücken sich nämlich! Derlei „Reste“ aus Tierheimen zu kratzen und für gutes Geld sanieren zu lassen, freut mich nicht im geringsten, und Farbmäuse haben den selben Bauplan da hinten wie unsere Ratten, nur noch eine Idee kleiner!
Die Praxis einiger Tierheime gehört tatsächlich dringend überdacht, und zwar in Bezug auf Kastrationen bei Kleinsäugern vorwiegend hinsichtlich der Qualität!


Zum Abschluss noch ein paar Gedanken zum TierschutzG Zitat...
Das war schon immer und wird auch immer ein strittiger Punkt sein, sofern es nicht eindeutig ausgeführt ist. Aber das gilt für alle in Haltung befindlichen Tierarten, Stichwort Ferkelkastration usw. Warum wird das TierschutzG nur zitiert, wenn es die eigene Argumentationskette zufällig begleitend untermauert? Da muss ich doch zu Objektivität aufrufen – und zum Blick über den Suppenschüsselrand!
Ich persönlich kann, vor dem Hintergrund des eigentlichen Tierschutzes, das Deutsche TierschutzG leider nicht wirklich immer ernst nehmen, denn es ist kein Tierschutz- sondern ein Tiernutzungsgesetz. Nachlesen und -denken an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht!
Vielleicht helfen in diesem Zusammenhang die Ausführungen auf dem 16. ZZF (Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe) Fach – Symposium 1011 von Amtstierärztin Dr. Sandra Schönreiter und der praktizierenden Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies (Zitat):

„Dr. Schönreiter verwies auf die Ausnahme des im TSchG § 6 geregelten Verbots, das eine Unfruchtbarmachung „zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder wenn – soweit tierärztliche Bedenken dem nicht entgegenstehen – zur weiteren Nutzung oder Haltung eines Tieres“ erlaube. Es werde immer wieder diskutiert, welche Tierarten unter diese Ausnahmeregelung fallen. Bei den meisten Kleinsäugern könne zwar eine Fortpflanzung durch kontrollierte Haltungsbedingungen ausgeschlossen werden. Allerdings sei für gesellig lebende männliche Kleinsäuger die Kastration einer nicht artgerechten Einzelhaltung vorzuziehen. Ganz klar tierschutzrechtlich nicht zulässig sind dagegen Eingriffe, die die Haltung erleichtern, wie beispielsweise die operative Entfernung der Duftdrüsen bei Frettchen und Skunks. Aus tiermedizinischer Sicht spricht laut Dr. Tönnies auch die Gefahr innerartlicher Auseinandersetzungen mit der Folge von Verletzungen für eine Kastration von so
zial lebenden
Kleinsäugern. Auch unter gleichgeschlechtlichen Tieren ändere sich das Verhalten nach Einsetzen der Geschlechtsreife, es kommt häufig zu Rangstreitigkeiten mit Verletzungen. Die optimale Haltung sozial lebender Kleinsäuger bestehe deshalb aus kastrierten Männchen plus Weibchen. Der beste Zeitpunkt für eine Kastration sei: „So früh wie nötig, so spät wie möglich“. „

Zum Abschluss noch was für die wenigen, aber in der Richtung immer recht lautstark agierenden männlichen Tierhalter - Huhu Hartmut – wink! - keine Sorge, Euch kastrieren wir auch nur, wenn Euer Sozialverhalten uns stinkt!

Euer Rudi vom Tierhausi (kastriert, versteht sich - obwohl eine Vermehrung von Notfallvermittlern durchaus begrüssenswert wäre ;-)).
www.das-tierhausi.de 

 

 

 

 

Interessante Erkenntnisse über menschliche Kastraten

 

 

SPIEGEL online: Chronik: Eunuchen leben länger

Warum werden Frauen meist älter als Männer? Eine mögliche Antwort fanden Forscher nun in den Stammbäumen von Familien mit kastrierten Männern: Eunuchen leben demnach 14 Jahre länger als ihre männlichen Verwandten. Die Ursache könnte die höhere Lebenserwartung von Frauen erklären.

 

telepolis: Männer, wollt ihr länger leben?

Südkoreanische Wissenschaftler glauben anhand einer Untersuchung des Lebensalters von Eunuchen, dass die männlichen Sexualhormone die Lebenserwartung des schwachen Geschlechts gegenüber der von Frauen verkürzen

 

taz: Lebenserwartung und Testosteron. Kastraten leben länger

Einen Vorteil muss die Sache ja haben. Eunuchen haben eine höhere Lebenserwartung. Schuld ist offenbar das männliche Sexualhormon Testosteron – was sonst.





 

Inwieweit die Ergebnisse auf Ratten übertragbar sind, ist noch unklar.

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