Letzte Aktualisierung: 23.10.2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschrieben für die Rodentia 75 (in dem Heft gibt es auch schicke Bilder zum Artikel), unredigierte Fassung:

 

 

 

 

 

 

Rattenzimmer

 

 

Irgendwann habe ich einfach aufgehört, die Ratten nach ihrem Auslauf wieder einzusammeln und im Käfig einzusperren. Mein 4m x4m grosses Zimmer war wegen des freien Auslaufs der Tiere sowieso schon rattensicher, d.h. es lagen nirgendwo mehr Kabel, die Steckdosen waren alle mit Schaltern versehen, s.d. man die Steckdosen direkt an der Wand ausschalten kann, Pflanzen – insbesondere giftige waren bereits weit ausser Reichweite und alle Ritzen und Spalten, durch die sich eine Ratte hinter einen Schrank hätte quetschen können, waren verstopft. Man lernt ja ständig dazu im Leben und so hat es trotz dieser verstellten und verstopften Zugänge hinter und unter Schränke im Lauf der Zeit doch immer mal wieder jemand geschafft, sich einen Weg zu bahnen. Die Hauptsache war immer, dass dadurch keine Gefahr für ein Tier entstehen kann, dies war ja gewährleistet dadurch, dass keine giftigen oder gefährlichen Dinge in meinem Zimmer frei herumlagen und -liegen und dass keine stromführenden Kabel in Reichweite der Nagerzähne waren und sind. Da die Ratten ja auch in ihrer Freilaufzeit nicht ständig überwacht waren, hatte ich alle denkbaren Gefahren (scharfe Kanten unter Klettermöglichkeiten, offene Regale mit Absturzgefahr, kippelig oder sonstwie herunterfall-gefährdet abgelegte Gegenstände, Giftstoffe oder zum Annagen ungeeignetes in Reichweite, offene Stromkabel,...) bereits ausgeräumt. Ein Fernseher befindet sich in dem Raum auf einer für die Tiere unerreichbaren Kommode, die betreffende Steckdose ist mit einem Schalter versehen, so dass ich die Stromversorgung an der Wand ausschalten kann – was ich auch tu, wenn ich nicht gerade fernsehe.


Seit wir Ratten halten, haben wir uns immer bemüht, ihnen möglichst lange Auslauf zu ermöglichen und die Zeit, die die Tiere aus welchen Gründen auch immer eingesperrt sein müssen, möglichst klein zu halten. Das sah dann immer so aus, dass ich die Käfige öffnete, direkt nachdem ich von der Arbeit nach hause kam und sie dann erst vor dem Zubettgehen schloss, einige Zeit später dann erst, wenn ich die Wohnung verliess. Aber auch das passte nicht immer mit den Interessen der Tiere zusammen, die oftmals genau dann gerade entweder aktive Phasen hatten, wenn ich sie einsperren wollte oder die Tiere hatten sich irgendwo im Zimmer einen kuscheligen Platz gesucht an dem sie dösten oder schliefen und ich musste sie gegen ihren Willen in ihren Käfig befördern. Dann überlegte ich, was eigentlich passieren könnte, wenn ich aufhören würde, sie einzusammeln und einzusperren. Die Tapeten in Nagerreichweite ist eh verloren, die wird auch während des normalen, sporadisch überwachten Auslaufs 'geerntet'. Meine Möbel sind nicht so wertvoll, dass mich Bearbeitungsspuren an den Ecken und Kanten besonders stören würden. Wer mit Ratten zusammen leben möchte, sollte von wertvollen Möbeln und Tapeten Abschied nehmen, oder die Möbel ausserhalb des Rattenwirkungsbereichs aufstellen. Ein wirksames Mittel zum Schutz der Tapeten ist mir nicht bekannt. Ich kam zu dem Schluss, dass sie unbeaufsichtigt auch nichts anderes in dem Zimmer anstellen könnten als unter Beaufsichtigung.

 

Ich überprüfte mein Zimmer noch mal genauer auf mögliche Gefahren, konnte aber keine Gefahrenquellen erkennen und so liess ich einfach die Käfige offen. Als “Käfigtür” fungiert jetzt eine für Menschen übersteigbare Absperrung im Türrahmen, die die Tiere auch bei geöffneter Tür daran hindert, den Rest der Wohnung auch noch im Sturm zu erobern. Im Zimmer allerdings dürfen sie machen was sie wollen. Als Unterkünfte stehen ihnen mehrere offene Uni-Dome [4,5] (derzeit 4 ET2 bzw NET2 – ich habe den Unterschied nie begriffem - und 1-2 Volieren, demnächst ein 5ter ET2 statt einer der Volieren) zur Verfügung, in denen Häuschen[6], Sputniks[7] Hängematten, Kuschelplätze als Schlafplätze eingerichtet sind. Häuser und Kisten stehen aber auch verteilt im Zimmer und eine ganze Sammlung modifizierter Abflussrohre[3] liegt auf dem Boden und erlaubt das versteckte Herumhuschen von Ort zu Ort. Ich habe eine ganze Reihe dieser Rohre (es gibt da auch tolle Verzweigungen, Biegungen und verschiedene Längen und Durchmesser im Baumarkt zu kaufen) zu Tunnelsystemen miteinander teils lose teils fest verbunden und zur besseren Belüftung, als Lichteinlässe und als Ein- und Ausgänge mit einer Lochkreissäge eine Menge Löcher hineingebohrt. Lochkreissägen gibt es als Bohrmaschinenzubehör im Baumarkt als Satz mit Durchmessern von 24-65mm[1]. Ich weiss nicht, wie man als Rattenhalter ohne so einen Lochkreissägensatz leben kann – aus Kisten werden im Nu tolle Häuser, Rohre können mit Ein- und Ausgängen und Fenstern versehen werden usw. usf. Insgesamt bieten die Rohre Tunnel mit einer Gesamt-Laufstrecke von mindestens 10m. In diesen Tunneln bewegen sich die Tiere ausserordentlich gerne, verstecken sich und oft auch Futter. Die Rohre sind so im Zimmer angeordnet, dass die Tiere sich nie über grössere Distanzen über offene Flächen bewegen müssen. Futterstellen (dort stehen Näpfe mit Wasser, Körnern und frischem Gemüse und Obst) gibt es sowohl in den Uni-Domen als auch auf dem Boden im Zimmer. Gerne streue ich Körner oder Leckerlis auch einfach auf dem Boden aus. Futter schmeckt besonders gut, wenn man es suchen und aufsammeln muss.

 

Ich habe aus Gründen der Reinigbarkeit das Zimmer mit sogenannten OSB Platten oder Grobspan-Platten ausgelegt[2]. Diese Platten sind im Baumarkt günstig (ab um 3.50 Euro m²) zu bekommen, lassen sich feucht abwischen, verfügen über Nut- und Federsystem und sind annähernd nahtlos als grosse Fläche günstig auch auf vorhandener Auslegeware verlegen. Bei starker Verschmutzung oder Verschleiss kann man diese Platten auch leicht austauschen und entsorgen. Es empfiehlt sich nicht, ein Zimmer, in dem Ratten frei herumlaufen dürfen, mit Teppich auszulegen, da die kleinen chronisch undicht sind und meiner Erfahrung nach auch keine besondere Sorgfalt an den Tag legen, ihren Kot nur an bestimmten Orten von sich zu geben. Auch Essen wird gerne durch die Gegend transportiert und geworfen. Der Boden sollte also feg- und abwischbar sein. Es eignen sich im Grunde alle glatten Flächen, ob es nun PVC-Boden, Fliesen, OSB-Platten, Laminat oder was auch immer ist. Auch ein waschbarer Teppich kann durchaus eine Lösung sein.


Als in den Käfigen 'Auslegeware' kommt Zeitungspapier zum Einsatz, die Häuser und Sputniks werden mit geschreddertem Zeitungspapier ausgestopft. Das kann man leicht entsorgen und Zeitungspapier ist immer relativ leicht in grossen Mengen zu besorgen. Ich habe neben den Freunden und Bekannten, die für mich Altpapier aufbewahren, bspw. bei der örtlichen Tageszeitung angefragt und darf mir aus deren Pressestelle im Bedarfsfall Packen alter Zeitungen holen. Das gebrauchte Zeitungspapier entsorge ich als Altpapier. Ich habe allerdings einen immensen Durchsatz – wöchentlich verbrauche ich 1 ½ gestopfte 70 Liter Säcke mit geschredderten Zeitungen, dafür bin ich auch mindestens eine Stunde pro Woche am Schreddern. Überhaupt die Zeit: das ist die Kehrseite der Medaille. Ich muss zum Putzen des Zimmers mehr oder minder immer einen ganzen Tag pro Woche einplanen, meistens ist der Samstag mein RCD (Rat Cleaning Day). Dann werden alle Rohre ausgeduscht, die Käfige nach und nach leergeräumt und ausgewischt und das Papier entsorgt und alles neu ausgelegt. Die Kisten, Häuser, Schubladen und Verstecke und die zahlreich im Raum verteilten Exktoiletten werden gereinigt. Den Raum fege ich meist nur, an hartnäckig verdreckten Stellen im Boden kratz und wische ich schon auch mal gründlicher aber gründliches Fegen halte ich im Allgemeinen für sauber genug.

 

Ein weiterer Nachteil der Haltung mit 24 Stunden Freilaufmöglichkeit betrifft die Vergesellschaftung von Neuzugängen. Um mit in den Genuss der Freiheit in Gefangenschaft zu kommen, müssen alle Tiere in einem grossen Rudel leben. Neuzugänge müssen in das bestehende Rudel integriert werden, wobei der ausgiebige Freilauf zu einem starken Revierbewusstsein führt. Wer einmal in dem Zimmer wohnt, betrachtet das Zimmer komplett als Revier, das entsprechend verteidigt wird und in dem jede fremde Ratte deutlich als Eindringling wahrgenommen wird. Zwar können sich die Tiere in dem Zimmer recht gut aus dem Weg gehen, aber trotzdem ist die Integration von Neuzugängen mit allen Tieren aus dem Zimmer eine aufwändige Angelegenheit, zumal nicht wirklich neutrales Gebiet zur Verfügung steht. Neuzugänge lasse ich in der Regel zunächst im Flur auslaufen, begleitet von einer zeitaufwändigen Integration, die sich über Wochen hinziehen kann, bis die Neuzugänge das erste Mal unter Aufsicht auuch im Zimmer laufen können. Derzeit gestaltet sich die Situation noch dadurch erschwert, dass zu den Zimmerbewohnern ein paar ausnehmend scheue Tiere, sowie eine handvoll Halbwilde gehören. Diese sind schon unter normalen Haltungsbedingungen nur bedingt handlebar, unter der Bedingung von 24h Freilauf ist es aber noch schwerer mit den Tieren in Kontakt zu treten, geschweige denn, sie zur Mitwirkung an einer Vergesellschaftung zu überreden. Da auf der anderen Seite auch bei meinen nicht-mehr-so-Neuzugängen Halbwilde dabei sind, komme ich mit der gegenwärtigen Situation durchaus an die Grenzen der Möglichkeiten meiner Haltung, denn eine vernünftige Integration ist unter diesen Umständen nicht durchführbar.

 

Ein weiterer Nachteil sind die Vorbereitungen eines Tierarztbesuchs, der ja i.d.R. ohne Tier wenig Sinn ergibt. Wenn man insbesondere ein scheues Tier zum Tierarztbesuch überreden muss, das, sowie es den Braten riecht, die Flucht ergreift, dann kann es schon mal etwas dauern, bis man das betreffende Tier in der Transportbox hat und den Besuch antreten kann.

 

Im Allgemeinen ist den Tieren durchaus anzumerken, dass sie die offenen Türen zu schätzen wissen. Ihre Aktivität im Zimmer ist nicht auf bestimmte Auslaufzeiten begrenzt und im Grunde genommen ist zu jeder Tages- und Nachtzeit irgendwo jemand im Zimmer unterwegs. Auch die Schlaf-Aufenthaltsorte sind ziemlich gleichmässig über alle Unterkünfte verteilt. Es gibt ein paar Tiere, die man sehr zuverlässig nur in ganz bestimmten Häuschen oder Käfigen antrifft, die Mehrheit aber treibt sich mal hier mal dort herum und schläft auch in ganz verschiedenen Kleingruppen in wechselnden Häusern. Ihre Hauptaktivität zeigen sie aber in der Zeit zwischen 20:00 und 2:00 Uhr mit einer kurzen sehr aktiven Phase zum Zeitpunkt meines feierabendlichen Erscheinens. In dieser Zeit sind mehr oder weniger alle gleichzeitig unterwegs. Gegen 17:00 lassen sich die meisten kurz blicken, schauen, ob sie etwas abstauben können und begeben sich dann vor dem abendlichen Hochbetrieb noch einmal kurz zur Ruhe. Ich schlafe auch in dem Zimmer und werde nächtens von einigen Tieren besucht. Insgesamt begegnen mir die Tiere trotz all der Rückzugsmöglichkeiten, die sie haben, immer wieder aus eigenem Antrieb, wenn auch die Beziehung vielleicht nicht so eng ist wie in einer Käfighaltung mit festen Auslaufzeiten, in denen man dann aber auch zu 100% für die Tiere zur Verfügung steht. Auch mein Umgang mit den Tieren ist manchmal eher beiläufig und nicht hochkonzentriert. Wenn ich mich in meinem Zimmeraufhalte, sind die Tiere eben da, sie können zu mir kommen oder es bleiben lassen und ich gehe meiner Beschäftigung nach ohne mich ständig ausschliesslich mit den Tieren zu beschäftigen. Seit ich in meinem Zimmer Ratten in der dargestellten Weise halte, leben bei mir immer so zwischen 20-30 Tiere, alles Mädels (oder Kastraten) – Böcke würde ich wegen der Gefahr einer unbeabsichtigten Vermehrung nicht aufnehmen, ich könnte die zwingendee dauerhafte räumliche Trennung aufgrund der räumlichen Gegebenheiten nicht garantieren.

 

Fazit

 

Für mich ist eine andere Form der Haltung nur noch schwer vorstellbar, wiewohl die Grenzen natürlich fliessend sind. Auch ich bin derzeit gezwungen, eine kleine Gruppe getrennt von den freilaufenden Tieren eingesperrt zu halten und ihnen (im Flur) täglichen Auslauf zu gewähren. Mein Wunsch wäre zwar, diesen Zustand auf Dauer durch eine Vergesellschaftung aller Tiere beenden zu können, aber das wird sicher noch eine Zeit dauern. Die Form der Haltung erfordert einiges an zeitlichem Aufwand inbesondere durch den wöchentlichen RCD. Diese Zeit bin ich aber gerne bereit, aufzubringen. Ich erlebe meine Tiere in einem sehr ungezwungenen Umfeld, sie müssen sich nur sehr wenigen Zwängen unterwerfen und nahezu jede Interaktion mit den Tieren beruht auf deren Freiwilligkeit. Das gefällt mir persönlich sehr gut. Allgemein denke ich aber nicht, dass es ein Richtig oder ein Falsch gibt. Wichtig in der Rattenhaltung ist,

  • dass man dem Bewegungsdrang der Tiere gerecht wird (was mit genügend grossem, gut ausgestattetem Käfig und täglichem Auslauf durchaus erreicht werden kann),

  • dass man für einen vernünftigen Unterhalt mit Futter, Frischfutter und Wasser und Spiel- und Erkundungsmöglichkeiten sorgt,

  • dass eine kompetente tierärztliche Versorgung gewährleistet ist, und

  • dass man seine kleinen Schutzbefohlenen wirklich ehrlich und aufrichtig liebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Wikipedia Lochsäge oder Lochkreissäge: http://de.wikipedia.org/wiki/Lochs%C3%A4ge

[2] Wikipedia Grobspanplatte: http://de.wikipedia.org/wiki/Grobspanplatte

[3] Wikipedia Hochtemperatur Rohr (HT Rohr): http://de.wikipedia.org/wiki/HT-Rohr

[4] Uni-Dom: http://www.uni-dom.de/

[5] Kaskadendom: www.kaskadendom.de/

[6] Häuschen: ich kaufe Holzkisten mit Deckel bei OBI, Hornbach, Max Bahr oder dergleichen (z.B.: http://www.hornbach.de/shop/Allzweckkiste-mit-Klappdeckel-300x150x200-mm/5065588/artikel.html?sourceCat=S879&WT.svl=artikel_img) und versehe sie mittels Lochkreissäge mit Ein- und Ausgängen. Diese Häuser werden mit sog. Sabberlack lackiert – das ist Acryllack, der gemäss DIN EN 71.3 geeignet für Kinderspielzeug ist. Den Gestaltungsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Ein solches Haus kostet mit Farbe und Kistenpreis deutlich unter 10 Euro. Die Kisten sind in den meisten Baumärkten auch in anderen Grössen erhältlich.

[7] Sputnik: z.B. hier http://www.zooplus.de/shop/nager_kleintiere/spielzeug/ratte/247946