Letzte Aktualisierung: 20.03.2012

 

 

Die Legende vom "schmerzlosen Tod"

Einige Hersteller und entsprechend oft dann auch die Händler bewerben Rattengift mit den Worten "führt bereits nach einmaliger Aufnahme innerhalb von ca. 4-7 Tagen zu einem schmerzlosen Schwächetod der Schadnager" oder "die schädlichen Nager sterben ruhig und ohne Schmerzen" oder "nach der Aufnahme verenden die Nager schmerzfrei" oder "Es kommt zu inneren Blutungen,  an denen die Ratten und Mäuse ruhig und schmerzlos eingehen".

 

Stimmt das? Nein, das stimmt nicht. Beispielsweise steht im achten Umweltkontrollbericht des österreichischen Umweltministers an den Nationalrat: "Darüber hinaus können alle auf dem Markt befindlichen Antikoagulantien aufgrund von oft organnahen oder nervennahen Blutungen schweres und einige Tage dauerndes Tierleid verursachen (PESTICIDE SAFETY DIRECTORATE UK 1997, MASON
& LITTIN 2003).
Da diese Eigenschaften nicht im Einklang mit den EU-Anforderungskriterien für die
Zulassung/Registrierung von Biozid-Produkten stehen, sind Zulassungen nur auf der
Basis von Risiko-Nutzenabwägungen möglich".  (S.150)

 

Liest man die Symptombeschreibungen bei Cumarin-Vergiftungen, z.B. bei Katzen oder Hunden, dann wird klar, dass der Tod durch Cumarin-Veriftung kein leidloser, schmerzfreier Tod sein kann:

"Hauptsächlich besteht jedoch nach der Aufnahme von Cumarinderivaten eine starke Blutungsneigung, die sich durch Nasenbluten, blutigen Auswurf beim Husten sowie durch Blut in Urin oder Kot äußern kann. Die weiteren Symptome hängen davon ab, in welchen Organen die Blutungen stattfinden. Bei Blutungen in den Herzbeutel (Perikarderguss) kommt es zu einer eingeschränkten Herzleistung mit erhöhter Herzschlagfrequenz. Lungenblutungen oder Blutungen in den Pleuralspalt führen zu einer mangelhaften Belüftung der Lunge und dadurch zu Atemnot. Auch Lahmheiten können auftreten, wenn es zu Einblutungen in Gelenke kommt."(Quelle: Enpevet)

Blutungen in Gelenken können für das Tier alleine schon wegen der damit verbundenen Schwellungen schmerzhaft sein. Blutungen in den Atmungsorganen führen zu Atemnot und Atemnot ist ein wirkliches grauenvolles Leid. Organ- und nervennahe Blutungen sind oft ebenfalls schmerzhaft.

 

Die englische UFAW (Universities Federation for Animal Welfare) schreibt unter dem Titel "Guiding Principles in the humane Control of Rats and Mice" (Leit-Prinzipien in der humanen Kontrolle von Ratten und Mäusen):

"Anticoagulants kill by disrupting blood clotting mechanisms and leading to death by blood loss. Bleeding can occur externally or into the gut, tissues, body cavities, joints, and inside the skull.

Pros:  Safety: successful treatment may be possible in cases of accidental human or companion animal consumption of the rodenticide.

Cons:  Rats may show signs including weakness, lameness, and breathing difficulties, for up to about 48 hours prior to death (which in rats is typically about 3-9 days after ingesting a lethal dose). Bleeding into joint spaces and inside the skull is known to be very painful in humans and there is a concern that anticoagulants may cause this in rodents. For this reason the UK’s Pesticide Safety Directorate described this method as ‘markedly inhumane’ " (freie Übersetzung)

 

In seiner Ph.D. Thesis (Doktorarbeit) "Rats in an Agricultural Landscape: Population Size, Movement and Control" schreibt Malcolm Brown: "Poisoned rats may show external signs of bleeding from the mouth, nasal passages and anus and blood can be seen in the faeces. When autopsied, signs of internal bleeding are also found in the muscles and intestinal tract. Bleeding itself is not a painful process but the effect of bleeding into a closed cavity, such as a joint can be extremely painful. Time to death depends on the rodenticide used and on the dose consumed; it may be less than 24 hours but is more typically between 4 – 8 days (Mason and Littin 2003). In research on the pre-lethal effects of anticoagulant rodenticides Cox & Smith, (1992) found that all their test animals (18) died within 120 hours of consuming the poisoned pellets. Although anticoagulant rodenticides are generally effective in controlling rat populations, except where resistance has built up, I do not think it can be said that they are humane. They probably cause some animals considerable pain over an extended period of time if there is bleeding into the joints and, along with alterations in behaviour, they place predators and scavengers at risk of secondary poisoning." (freie Übersetzung)

 

Offensichtlich für den, der da ein wenig genauer hinschauen möchte, ist also der Tod durch Antikoagulantien (Cumarin-Derivate) mitnichten so schmerzlos und leidfrei, wie diese Händler und Hersteller des Todes uns glauben machen wollen.

 

Frage: Dürfen die das denn einfach so - wahrheitswidrig - behaupten?

 

Die Antwort ist schwierig. Sie könnte lauten: "Nein, dürfen sie nicht. Aber wer will sie daran hindern? Welche Ratte sollte sie den verklagen?"

 

Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist der Wortlaut des Paragraph 15a des ChemikalienGesetzes:

 

§ 15a Gefahrenhinweis bei der Werbung
Es ist verboten, für ein Biozid-Produkt zu werben, ohne in einer sich deutlich vom Rest der Werbung abhebenden Weise die folgenden Sätze hinzuzufügen: "Biozide sicher verwenden. Vor Gebrauch stets Kennzeichnung und Produktinformation lesen". In dem Warnhinweis nach Satz 1 darf das Wort "Biozide" auch durch eine genauere Bezeichnung der Produktart ersetzt werden, für die geworben wird. Die Werbung für Biozid-Produkte darf im Hinblick auf mögliche Risiken des Produkts für Mensch und Umwelt nicht verharmlosend wirken. Sie darf nicht die Angaben "Biozid-Produkt mit niedrigem Risikopotential", "ungiftig", "unschädlich" oder ähnliche Hinweise enthalten.

 

Die Frage ist nun:  Ist die Bewerbung mit den Worten "schmerzfrei" oder "schmerzlos" eine verharmlosende Bewerbung im Sinne des § 15a? 

 

Diese Frage hab ich dem UmweltBundesAmt gestellt:

"Sehr geehrte Damen und Herren des UmweltBundesAmts,

Zu meinem Aerger bewerben etliche Firmen und Haendler ihre Rodentizide mit Formulierungen wie schmerloser Tod , schmerzfreies Verenden und dergleichen.

Meines Erachtens ist das ein Verstoss gegen § 15a ChemikalienGesetz, welcher ein verharmlosendes Werben fuer Biozid-Produkte verbietet. In einschlaegigen veterinaermedizinischen Symptombeschreibungen findet sich stets auch ein Hinweis auf Schmerzen bei vergifteten (Nicht-Zielgruppen-)Tieren.

Ich wuerde gerne wissen, ob die Bewerbung von Rodentiziden als schmerzfrei als schmerzlos Ihrer Meinung nach erlaubt ist.

Mit freundlichem Gruss , Hartmut Wittke"

 

Inzwischen weiss ich, dass das UmweltBundesAmt hier gar nicht zuständig ist, Zulassungen von Biozid-Pordukten fallen in den Zuständigkeitsbereich der BAUA (Bundesanstalt fuer Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin). Die antwortende Dame des UmweltBundesAmts hat dann meine Frage freundlicherweise auch gleich an die BAUA weitergeleitet. Von dort bekam ich dann die folgende Antwort (die hier erwähnte Richtlinie 98/8/EG ist die Biozid-Richtlinie):

 

"Sehr geehrter Herr Wittke,

 

vielen Dank für Ihre Anfrage vom 26.02.2012.

 

Gemäß Artikel 22 Absatz 2 der Richtlinie 98/8/EG (umgesetzt in nationales Recht durch § 15 Abs. 2 des Chemikaliengesetzes, Rechtstexte finden Sie auf unserer Webseite: http://www.baua.de/de/Chemikaliengesetz-Biozidverfahren/Rechtstexte/Rechtstexte.html) darf die Werbung für Biozid-Produkte im Hinblick auf mögliche Risiken des Produktes für Mensch und Umwelt nicht verharmlosend wirken.

Angaben wie unschädlich oder ungiftig dürfen somit nicht in der Werbung enthalten sein. Auslobungen wie schmerzloser Tod und schmerzfreies Verenden zeigen zwar an, dass das Produkt zum Tode führt, aber ob das Produkt zum schmerzfreien Tode führt bleibt bei der üblichen Wirkungsweise von Antikoagulantien zweifelhaft. Daten zur Wirkungsweise werden im Rahmen des Zulassungsverfahrens für Biozide z.T. erhoben und ausgewertet. Auch Daten zur Wirkung auf Nichtzielorganismen werden in diesem Rahmen geprüft.

Da gemäß Artikel 22 Abs.2 der Richtlinie 98/8/EG die Werbung nicht irreführend sein darf, muss der Hersteller des Biozid-Produktes, das mit Prädikaten wie schmerzloser Tod beworben wird, spätestens im Rahmen des Zulassungsverfahrens für das Produkt den Nachweis erbringen, dass das Produkt schmerzfrei wirkt. Daten zur Wirkung auf Nichtzielorganismen sind ebenfalls beizubringen. Hiervon unberührt bleiben weitere Rechtsvorschriften, die zudem zu beachten sind, wie ggf. Tierschutzgesetz, Umweltvorschriften etc.

 

Mit freundlichen Grüßen Im Auftrag

... "

 

Es ist also zumindest stark zu bezweifeln, ob die jeweiligen Hersteller nachgewiesen haben, was sie da so kühn behaupten. Es gibt eine Reihe von Aussagen in den Produkt-Beschreibungen, die man hinsichtlich Verharmlosungsverbot sehr gründlich beleuchten kann und SOLLTE:

So dürfte bspw. die Formulierung "Durch den Zusatz von Dentonium Benzoaten wird dieser extrem bitter, und verhindert somit die versehentliche Aufnahme durch Kinder und Haustiere" schlicht nicht haltbar sein. Denn von Verhinderung kann in Anbetracht zufällig vergifteter Hunde mit Sicherheit nicht die Rede sein.

Viele Angebote bei Amazon oder eBay enthalten auch nicht den zwingend vorgeschriebenen Hinweis

 

"Biozide sicher verwenden. Vor Gebrauch stets Kennzeichnung und Produktinformation lesen"

 

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass darauf hingewiesene Anbieter in der Regel freundlich reagieren (Wie es ind den Wald schallt, so schallt es zurück!!!1!). Einige Anbieter haben, nachdem ich sie auf § 15a , ChemikalienGesetz hingewiesen habe, die Worte "schmerzlos" oder "schmerzfrei" aus ihren Angeboten entfernt und den vorgeschriebenen Biozid-Hinweis hinzugefügt. Ich weiss, dass das nur ein klitzekleiner Erfolg ist, aber immerhin geht aus der Produktbeschreibung nun deutlicher hervor, dass Biozid-Produkte niemals unproblematische Produkte sind. Es ist wichtig, dass potentielle Kunden keine verharmlosende Beschreibung des zu erwerbenden Produktes zu lesen bekommen.

 

Der Kampf geht weiter ! No Parmesan !