Letzte Aktualisierung: 20.03.2012

 

 

Abstraktion

Unser grösstes  Problem ist die Verfremdung. Verfremdung und Abstraktion. Uns ist alles fremd geworden. Nur zu den allerwenigsten Gegenständen oder Begrifflichkeiten unserer Umwelt oder Umgebung haben wir eine Beziehung. Während einige Wenige von uns in der Lage sind, abstrakt zu denken, sind wir alle nicht in der Lage abstrakt zu fühlen, zu begreifen.

Abstraktes kann man nicht "begreifen", berühren. Abstraktes kann uns nicht berühren. Jeder von uns kennt das Fleisch auf dem Teller, auf dem Grill, im Schmortopf. Sofern man sich von Burgern, Döner, Wurstwaren und dergl. unkenntlich gemachten Körperteilen ernährt, erkennt man überhaupt nicht mehr, dass das Nahrungsmittel Teil eines Lebewesens war, dass gelebt, gefühlt, empfunden hat.

Aber wer kennt denn heutzutage noch ein Schwein. Wer hat jemals ein Schwein als ein intelligentes, fühlendes Lebewesen erlebt, dessen intelligentem Verhalten man stundenlang zuschauen könnte. Sicher, die meisten werden Tiere aus dem Fernsehen kennen, viele sehnen in Filmen wie "Ein Schweinchen namens Babe" in tiefer Emotionalität  ein happy-End herbei.

Aber es bereitet fast niemandem wirkliche Probleme, danach wieder zur Tagesordnung überzugehen und sein Schnitzel, seine Wurst oder seine Gummi-Bärchen zu essen. Wir brauchen das exemplarische, das verkörperte Gute und das sichtbare Böse, das beispielhaft Liebenswerte, um emotional erfassen, begreifen zu können. Wir müssen Individuen oder höchstens kleine Gruppen von Individuen vor Augen haben, um einen gefühlsmässigen Bezug entwickeln zu können.

In unserer arbeitsteiligen Welt leben wir aber nur noch von und mit Produkten. Produkte werden von anderen Menschen "hergestellt", um von uns konsumiert zu werden. Dabei kann die Produktionskette beliebig lang werden und das Endprodukt lässt vielfach keinen Bezug zu den Ursprüngen seiner Vorprodukte mehr zu. Wir töten nicht selbst, wir lassen töten. Dies geschieht möglichst weit weg von uns, ausserhalb unserer Seh- und Hörweite. Tiere werden zu Produkten und Vorprodukten, sie werden ent-individualisiert, nicht als Lebewesen wahrgenommen.
Die selben Menschen, die - ihre Einkaufstaschen voll mit Körperteilen - an der Wurstbude verweilen und sich eine Bratwurst genehmigen, würden entsetzt die Polizei rufen, wären empört und schrien nach der Justiz, würde sich jemand erlauben, vor aller Augen in der Einkaufsstrasse ein Schwein zu schlachten und zuzubereiten.

Ich behaupte, kaum jemand in unserer modernen Gesellschaft wollte oder könnte ein Tier essen, das er selbst umhegt hat, das er selbst getötet und zerlegt hat. Ein gekauftes Stück Fleisch oder eine Wurst ist ein Produkt, dass bereits weitgehend von dem Leid der Tierhaltung, des Tiertransports und dem unmittelbaren Umbringen eines Tieres abstrahieren laesst.

Wir sind nicht mit dem individuellen Tier befasst, wir erleben das Tier nur noch in Form von vorverarbeiteten Produkten. Wir brauchen kein Mitleid zu empfinden, brauchen uns nicht mit der Situation, in der Tiere leben und leiden auseinanderzusetzen. Alles, was wir zu Gesicht und in die Hände bekommen, sind sauber bis zur Unkenntlichkeit verarbeitete Körperteile. 
Waehrend bei Fleisch und Fleischprodukten ein Bezug zu dem Tier aus dem sie hergestellt wurden, noch hergestellt werden kann, ist der Bezug anderer Produkte zu individuellen Tieren überhaupt nicht mehr herstellbar. Zwischen- und Vorprodukte werden zu Lebensmitteln verarbeitet, mit denen kaum jemand ein totes Tier assoziieren wuerde.  Kaum jemand ist sich noch bewusst dessen, was er isst: Wem käme bei Gelee-Bananen, Gummi-Bärchen oder klarem Fruchtsaft der Gedanke an Gelatine?

Und was genau ist eigentlich Gelatine? Wer macht sich klar, dass Süssigkeiten aus Tierleichen hergestellt werden?

Wir essen Dinge, die etwas komplett anderes zu sein vorgeben, als sie sind.  Wir tun das, weil wir nicht begreifen, was nicht greifbar ist. Wir sind komplett entfremdet von unserer Nahrung. Unsere Nahrung besteht aus Kunstprodukten, die jemand anderes hergestellt hat. Nahrungsmittel sind viel zu oft abstrakte Dinge geworden, denen man nicht ansehen kann, was sie einmal waren, woraus sie zusammengestellt oder aus wem sie hergestellt worden sind.

Es ist vielfach nicht einmal der Angabe der Inhaltsstoffe auf der Packung zu entnehmen, womit wir uns tatsächlich ernähren. Was bitte schön sind "Mono- und Diglyceride aus Speisefettsäuren"? Was sind Speisefette, was  Speisefettsäuren? Wem sagt einem der Inhaltsstoff E-471? Nichts. Genausogut könnte auf der Packung stehen: "Hergestellt aus Zoix". Wir essen also "Zoix". Und wir haben überhaupt keinen Bezug dazu.
Aber selbst da, wo wir trotz abstrahierender oder absichtlich verschleiernder Begriffe wie "Vollei", "Eier aus Kleingruppenhaltung", "Eier aus Bodenhaltung" eigentlich recht genau wissen, was wir zu uns nehmen, haben wir den Bezug zur Realität fast vollständig verloren. Die Begleitumstände der Herstellung, der "Produktionsprozess" ist uns weitestgehend unbekannt.

Wer hält sich vor Augen, dass egal ob "Bio", "Freilandhaltung" oder Hühner-Fabrik, Hähne nunmal keine Eier legen? Was also geschieht mit den Hähnen?
"Bis zu 40 Millionen männlicher Eintagsküken werden jährlich in Deutschland kurz nach dem Schlüpfen getötet, vergast oder zerhäckselt - nur weil sie das falsche Geschlecht haben.
Die extreme Spezialisierung in der Hühnerzucht führt zu einem gnadenlosen Ausleseverfahren: Turbolegehennen müssen Eier legen, 300 in einem Jahr.
Nach dieser Hochleistung sind die Tiere erschöpft, ausgelaugt und werden entsorgt. Aber naturgemäß sind bei der Vermehrung von Legehennen die Hälfte der ausgebrüteten Küken männlich.
Die legen nun mal keine Eier und taugen nicht zur Fleischmast, da sie auf Legeleistung programmiert sind und zu langsam Fleisch ansetzen.
Hahnenküken sind für die Brütereien schlicht Abfall. Aus ökonomischer Sicht wertlos, weil Eierproduzenten nur die Hennen brauchen. Deshalb werden sie in den Brütereien nach dem Schlüpfen von Spezialisten („Sexen") routinemäßig von den weiblichen Küken getrennt - "gesext" , aussortiert, mit Kohlendioxid vergast oder lebendig im so genannten Homogenisator, einer Maschine mit rotierenden Messern, zu Brei zermust." (Quelle: BMT).
Man stelle sich das Gesicht eines Menschen vor, der aus ethischen Gründen "nur" Eier ist, das Essen von Fleisch hingegen ablehnt, wenn man vor seinen Augen ein Küken in einen Mixer würfe...

 

 

Interessante Links:

Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie Adornos und Horkheimers

 

Innerhalb einer Kultur des Schlachthofes - Jenseits von Fleisch von Günther Rogausch