Letzte Aktualisierung: 24.03.2012

 

 

Eine Frage der "Vernunft"

Das Deutsche Tierschutzgesetz bezeichnet Tiere als Mitgeschöpfe, für die der Mensch Verantwortung trägt.

TSchG:

§1 Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

 

Was also ist ein vernünftiger Grund, einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen? Eine allgemeingültige Antwort sucht man mit Sicherheit vergebens. Zu unterschiedlich bewerten verschiedene Menschen diese Frage. Für die einen ist allgemeiner, grundsätzlicher Erkenntnisgewinn bereits ein völlig ausreichender Grund, Tiere in absurdesten Versuchen leiden zu lassen. Andere Menschen betrachten es als einen vernünftigen Grund um Tiere leiden zu lassen, dass man Teile ihres Körpers verzehren möchte (Was das allerdings mit Vernuft zu tun haben soll, steht auf einem anderen Blatt). Wieder andere betrachten es als einen vernünftigen Grund, nach langem Dahinvegetieren des Tieres und schliesslichem Verrecken durch rektale Stromeinwirkung, dem Tier die Haut abzuziehen, den Körper wegzuschmeissen und Kleidung aus dem Fell anzufertigen.

 

In Ermangelung eines verbindlichen Vernunftbegriffs antwortet bspw. die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage, die dieses Thema berührt (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/16/097/1609742.pdf):

"Ein Grund zum Töten von Tieren ist z. B. dann als vernünftig anzusehen, wenn er als triftig, einsichtig und von einem schutzwürdigen Interesse getragen anzuerkennen ist, und wenn er unter den konkreten Umständen schwerer wiegt, als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit. In die ethische Abwägung, ob Tötungs- oder Bekämpfungsmaßnahmen gerechtfertigt sind, müssen alle relevanten Aspekte mit einfließen. Insbesondere auch, ob geeignete zielführende Alternativen vorliegen."


Welcher Grund mag wohl schwerer wiegen, als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit. Nun, subjektiv aus der Sicht des Tieres wohl keiner! Subjektiv aus der Sicht des schädigenden oder tötenden Menschens mag es vielleicht solche Gründe geben. Das TierschutzGesetz krankt ganz allgemein an der Unbestimmtheit dieser Formulierung eines "vernünftigen Grundes".

 

Sofern also vernünftige Gründe geltend gemacht werden, dürfen Tiere getötet werden.

 

Ganz offensichtlich befinden wir uns also in einem ziemlichen Dilemma: Es ist nicht vernünftig, Tiere zu essen, es ist nicht vernünftig, Tiere zu töten, um aus ihnen Kleidung herzustellen und es ist nicht per se vernünftig, Tiere für beliebige Forschungsvorhaben leiden zu lassen. 

Solange es für den Menschen unausweichlich war oder im Fall von Naturvölkern auch noch ist, Tiere zu essen oder ihre Häute zu Kleidung zu verarbeiten, solange mag man es ja als vernünftig bezeichnen, dass der Mensch, bevor er Hungers sterben muss oder zumindest schweren Mangel leiden muss, Tiere tötet um sie zu essen. Aber in unserer Überflussgesellschaft, in der ein zunehmender Anteil der Bevölkerung schlicht un ergreifend Gesundheitsprobleme hat, weil man zuviel isst, in der für den Export geschlachtet wird, von vernünftigen Tötungsgründen zu reden ist einfach unvernünftig. In einer Gesellschaft, die so industrialisiert ist, dass Nahrung im Überfluss vorhanden ist und in der für jedes Nahrungsmittel ein adäquater pflanzlicher Ersatz möglich ist, ist das Töten von Tieren nicht mehr nötig, um Hunger und Mangel zu vermeiden - und deswegen ist es auch nicht mehr im Sinn einer Abwägung der Interessen des Menschen gegenüber den Interessen anderer Tiere  vernünftig. Getötet wird dann nicht aus Mangel an Alternativen, sondern nur für den Genuss. Genuss kann aber schwerlich als vernünftiger Grund akzeptiert werden.

Wenn Tiere für den Export von Fleisch oder Fellen geschlachtet werden, dann ist der einzige Grund für das Töten der Tiere, die Erwirtschaftung von Profit. Wenn aber das Erwirtschaften von Profit an sich als vernünftiger Grund gilt, dann ist das Tierschutzgesetz nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wird, da jede Grausamkeit gegen Tiere hinnehmbar ist, wenn sie nur profitabel genug ist.

 

 

Eine in diesem Zusammenhang ausserordentlich interessante Arbeit ist die Doktor-Arbeit von Jörg Luy: Die Tötungsfrage in der Tierschutzethik  (bedauerlicherweise findet man sehr viele links auf die Arbeit, aber viele der Kopien, die im Netz kursieren sind an irgendwelchen Stellen korrupt. Die Ultrakurzfassung über alle betrachteten Theorien der behandelten Philosophen findet sich in diesem Abschnitt)

 

Lesenswert ist auch das Interview mit dem schweizer Philosophen Jean-Claude Wolf : Argumente gegen das Töten von Tieren

 

Ein sehr grundsätzlicher, ausserordentlich lesens- und bemerkenswerter Artikel findet sich hier: Mensch-Tier-Vergleiche und die Skandalisierung von Gewalt von Michael Fischer

 

Grundlegend, wahrhaftig und Augen öffnend:

Innerhalb einer Kultur des Schlachthofes - Jenseits von Fleisch  von Günther Rogausch 

 

Interessante Aspekte des Tötens von Tieren im Alltag von Veterinären finden sich auch hier:  4ter Leipziger Tierärztekongress- Schwerpunkt: Töten von Tieren