Letzte Aktualisierung: 11.04.2012

 

 

 

Viel zu lange....

 

Viel zu lange habe ich ein falsches Leben geführt. Viel zu lange habe ich verdrängt, geduldet, mitgemacht....

Dass mit der (Massen-)Tierhaltung, mit Tierversuchen, mit unserem Umgang mit Tieren im Allgemeinen so gut wie alles falsch ist, war mir eigentlich schon lange klar. Ich kann mir heute kaum noch erklären, wie ich so lange die Realität ignorieren konnte. Ich habe mit grösstmöglicher Selbstverständlichkeit tierliche Produkte konsumiert, habe Fleisch gegessen, habe Käse geliebt, Milch getrunken, Eier gegessen und benutzt. Ich habe Fische gegessen. Es hat mir immer gut geschmeckt. Natürlich habe ich auch oft möglichst 'günstig' eingekauft. Gleichzeitig habe ich mir immer eingebildet, 'tierlieb' zu sein. Mein Gewissen war zwar nicht immer astrein, aber ich habe es immer geschafft, meine Tierliebe und meinen Tierkonsum gedanklich zu trennen. Es ist mir heute völlig unklar, wie ich meinen Tierkonsum je habe mit meinem Gewissen vereinbaren können, wie es mir je möglich gewesen sein kann, die unmitttelbare Konsequenz aus meinem eigenen Verhalten zu übersehen. Dass Fleisch aus Teilen getöteten Tieren besteht, war mir natürlich auch die ganze Zeit nicht unbekannt. Dass sich die Art und Weise, wie 'Nutztiere' behandelt werden, auf gar keine Weise mit meiner Empathie für Tiere vertragen kann, war mir irgendwie auch klar. Aber ich habe in mir heute nicht mehr nachvollziehbarer Ignoranz Fleisch und Käse und Eier gegessen UND mich für 'tierlieb' gehalten. Zum Einen ist die Tierausbeuttung in dieser Gesellschaft für den Einzelnen eine abstrakte Angelegenheit – nicht man selbst tötet und quält und schindet Tiere, sondern man selbst konsumiert nur die Produkte dieser Tierausbeutung. Zum Anderen sind auch die Produkte der Tierausbeutung abstrakt: Im Fleisch erkennt man nicht mehr das individuelle Tier, dass zur Fleischerzeugung hat leiden und sterben müssen. Fleisch, Wurst und dergleichen Produkte weisen nicht mehr darauf hin, dass einst lebendige Wesen zu ihrer Erzeugung haben leiden und sterben müssen. Man kann Fleisch essen und Tiere lieben, ohne dass man sich unweigerlich in seinen massiven Widersprüchen verheddert und über die eigene Unlogik zu Fall kommt. Schliesslich und letztlich entzieht die Abstraktion das leidende Individuum komplett dem Blick des Konsumenten. Hinter beliebigen Produkten des täglichen Konsums erwartet man oft gar keine Tierversuche, die aber aller Erwartung zum Trotz oft für diese Produkte stattgefunden haben.

Wie gesagt, ich verstehe heute selber nicht mehr, wie ich so viele Jahre meines Lebens die Augen vor der Wahrheit habe verschliessen können, vor der Wahrheit, die ich als gebildeter und intelligenter Mensch zumindest erahnte, von der ich aber 'aus Selbstschutz' nichts wissen wollte. Ich habe viel zu lange das Leid als unausweichlich ignoriert, mir nicht vor Augen geführt, verdrängt. Es hätte mir schon so viel länger klar sein können und auch müssen. Es gibt nichts, was ich zu meiner Entschuldigung vorbringen könnte.

Über mich hereingebrochen ist die Wahrheit dann eines Tages, als eine meiner ersten Ratten, meine liebe, kleine Hanni an einem nicht mehr operablen Tumor erkrankte. Ich litt unter der Diagnose, musste mir vor Augen halten, dass das geliebte Tier unweigerlich irgendwann an Krebs sterben würde und dass ich nichts dagegen tun konnte. In meinem Kummer um das geliebte Tier wurde ich mir der Bigotterie, des Irrwitzes und der Inkonsistenz meiner Gefühle bewusst. Ein Tier, dem ich meine Liebe schenke, um dass ich zu kämpfen bereit bin und all die anderen Tiere, denen ich meine Empathie versage. Zweierlei Mass in einem unvorstellbaren Widerspruch. Das eine Tier, dessen Leben ich schützen möchte und all die anderen Tiere, deren Leid und Sterben mich nicht nur nicht zu tiefst berühren, sondern deren Leid und Sterben ich durch mein Verhalten auch noch mitzuverantworten habe. Aus diesem Widerspruch zog ich schnellstmöglich meine Konsequenzen. Hannis Krankheit hat mein Erwachen bewirkt, hat mir die Augen geöffnet für das Bewusstsein, wie sehr ich in das Leid all der anderen Tiere verstrickt bin. Meine Ignoranz stürzte in sich zusammen und all das Tierleid, dass ich zu verantworten habe, kam mir zu Bewusstsein.

Ein sehr kurzer Ausflug in den Vegetarismus endete mit der Erkenntnis, dass jedweder Konsum tierlicher Produkte immer zu Tierleid führen muss und das Vegetarismus auf gar keinen Fall geeignet sein kann, Tierleid wirklich zu vermeiden (besser: nicht mehr zu verantworten).

Anfangs stellte ich es mir ziemlich schwer vor, vegan zu leben. Was alles ich jetzt beachten müsste und worauf ich alles zu 'verzichten' hätte. Klar, es gab zunächst keinen guten Grund, alte Schuhe nicht noch aufzutragen. Auch klar, dass ein wirklich 100%iger Verzicht auf jedwede Tierprodukte sehr aufwendig ist, wenn man bspw. auch mögliche Spuren von Milch in Nahrungsmitteln zum Anlass nimmt, diese nicht mehr zu kaufen. Stück um Stück stellte ich aber zu meiner Verwunderung fest, was für absolut phantastische, schmackhafte, rein pflanzliches Lebensmittel es gibt, deren Existenz ich vorher nicht einmal erahnt hätte. Es gibt so unendlich viele, leckere Dinge, die man mit einem reinen Gewissen essen kann.

Mit der Zeit begriff ich, dass man vegan leben kann, ohne ständig darüber nachzudenken. Ein wenig aufpassen beim Einkaufen, ein paar Produkte nur noch nach einem Blick in entsprechende Positiv-Listen kaufen und sich nicht wild damit machen, wenn man versehentlich doch mal ein unveganes Produkt erwischt hat (das kommt mit der Zeit unweigerlich mal, aber durchaus sehr selten vor). Mittlerweile ist mir das Vermeiden unveganer Produkte so selbstverständlich geworden, dass ich gar nicht mehr so oft darüber nachdenken muss. Aber wenn ich darüber nachdenke, dann mit einem viiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeel besseren Gefühl als früher.